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Das hier ist Wasser, Konrad

Es ist ein bisschen her, dass ich Hamid Das hier ist Wasser gegeben habe. Ich war davon ausgegangen, er würde tatsächlich innerhalb kürzester Zeit Deutsch lernen und inhaltlich ein wenig hinterherhecheln. Was für eine Arroganz. Er verschwand nach unserer Fotosession mit seinem neuen Buch, und als ich drei Wochen später danach fragte, behauptete er, den gesamten Text auf Deutsch und Englisch aus dem Gedächtnis zitieren und einfache Unterhaltungen in meiner Muttersprache führen zu können. Das wollte ich genauer wissen. Ich bot ihm zu trinken an. Weil er noch einiges an Post in der Tasche hatte, schlug er meine Einladung aus, versprach aber wiederzukommen, wenn er damit fertig war. Den Rest des Beitrags lesen »

Dann ist die reine Stille der absolute Krach

Im Frühsommer 2012 habe ich mich in meinem Ducato-Camper (BJ 1986) auf den Weg nach Marokko gemacht. Knapp 3700 Kilometer, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 80 Kilometern in der Stunde, bei einem Lärmpegel wie auf Startbahn 1 in London-Heathrow. Bis Madrid hielt mich ein junger Mitfahrer mit Geschichten aus seinem gebrochenen Herzen bei Laune. Keine davon war besonders überraschend, aber er trug sie so leidenschaftlich vor, dass ich ihm gerne zuhörte. Am vierten Tag der Reise wollte ich bis Algeciras kommen, um von dort am Morgen die erste Fähre nach Tanger zu nehmen. Ich kam in Madrid erst spät los und steckte zweieinhalb Stunden im Transitstau fest. Die flimmernde Hitze, die sich allmählich über der iberischen Halbinsel breitmachte, setzte mir zu. Als der Abend dämmerte hatte ich noch gut 200 km vor mir. Ich konnte die Augen kaum noch offen halten. Ich hatte Kopfschmerzen vom Knattern des Dieselmotors und vom Poltern des Fahrtwinds. Ich beschloss, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Den Rest des Beitrags lesen »

Es läuft nicht so … Darbende Schriftsteller über darbende Schriftsteller

Symposium darbender Schriftsteller 1

(v.l.n.r.) Jack London, Jack Kerouac, Jörg Fauser und Paul Auster beim „1. Symposium darbender Schriftsteller“; November 2013 in Sidi Ifni/Marokko

Obwohl ich Bücher über Schriftsteller nicht mag, habe ich unter der Markise vor meinem heißen Wagen zuletzt vier Bücher gelesen, in denen es vor allem um Schriftsteller ging. Es waren ziemlich realistische Bücher. Keine Schreibtische mit Blick über die Brookyn-Bridge, keine weißen Blätter, die mit Bedacht in Schreibmaschinen gewalzt werden, keine Ebenholzpfeifen und keine seidenen Bademäntel. Statt dessen Verlegenheitsjobs, Schreibklos, unbeantwortete Manuskripteinsendungen und unbezahlte Rechnungen. Der Plot ist in den Grundzügen immer derselbe: Jemand kämpft darum, Schriftsteller zu sein, beziehungsweise, in seinem Leben reichlich Zeit zum Schreiben zu haben, und es läuft nicht so … Den Rest des Beitrags lesen »

Burkhard Spinnen vs. Jack Kerouac. Oder: Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 3

Kerouac verpasst Spinnen einen langen Haken mit Rechts (Collage unter Verwendung eines Filmstills aus Martin Scorcece, "Raging Bull")

Kerouac verpasst Spinnen einen langen Haken mit der Rechten (Collage unter Verwendung eines Filmstills aus Martin Scorsese, „Raging Bull“/ © 2013 Konrad Geyer)

Burkhard Spinnen (hat Zé do Rock und Nadine Kegele eingeladen):

Zu keinem Jurymitglied ist mir vergangenes Jahr so wenig eingefallen, wie zu ihm. Dabei führte Spinnen damals eine interessante Diskussion. Im Zusammenhang mit Leopold Federmairs Aki sagte er, Jack Kerouac würde immer nur behaupten, irre Typen würden irre Sachen machen, aber nie beschreiben, was genau sie tun. „Wir lagen auf dem Bett und redeten über alles Mögliche“ nannte er als Beispiel und erntete dafür reichlich Gelächter. Den Rest des Beitrags lesen »

Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 2

Zwischen Paul Jandl und Meike Feßmann sitzt eigentlich der altehrwürdige Jurypräsident Burkhard Spinnen, aber bevor ich mich um den kümmere, muss ich noch mal Luft holen. Zuerst also Feßmann: Den Rest des Beitrags lesen »

Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 1

Riff

Auch im zweiten Jahr meines Blogs wollte ich die Klagenfurter Jury einer Einzelkritik unterziehen. Aber dann schleppte Hamid mir wenige Tage vor dem Startschuss einen Frankfurter Versicherungsbroker in der Sinnkrise an. Auf der Suche nach einer intelligenten Reisebegleitung, die seiner Muttersprache mächtig war, hatte er sich an einen von Hamids Großcousins gewandt. Er war denkbar unsympathisch, aber er zahlte gut. Die elf Tage an seiner Seite riefen mir in Erinnerung, wie anstrengend Gesellschaft sein kann. Ich kam aber auch in den Genuss eines Geländewagentrips ins Herz der Sahara. Ich durfte in diversen Hotels nächtigen und Restaurants speisen, die ich mir sonst nie hätte leisten können. Und ich kann meinem Wüstenschreibcamp einige Bonusmonate anhängen.

Die Filmchen aus Klagenfurt konnte ich jedoch nur zwischen Tür und Angel schauen, und wenn der Herr Versicherungsbroker plötzlich in meinem Rücken stand, musste ich mir einiges anhören: Verschwendung von Lebenszeit und Steuergeldern; null Relevanz; dieser ganze verklemmte Literatur-Verein sollte einen Ausflug in eine Swinger-Therme nach Budapest machen, zu der er gute Beziehungen unterhält … Deshalb musste ich das Ende der Reise abwarten, den Kölnisch-Wasser-Duft aus meinen Kleidern waschen, mich gründlich ausruhen und dann eine zweitägige Session im Internetcafe einlegen. Aber jetzt bin ich so weit. Wieder frei nach Huck Finns “ain’t […] no better book than what your face is”. Heuer von Rechts nach Links. Los geht es mit dem Neuzugang … Den Rest des Beitrags lesen »

Das hier ist Wasser, Hamid

Hamid I

Konrad Geyer und Briefträger Hamid bedanken sich herzlich bei Kiepenheuer & Witsch. Früher, als ich das der La Poste Maroc zugetraut hätte, brachte Hamid mir den Kölner Spasspacken. Schon seit einiger Zeit bleibt er bei mir stehen, während ich meine Post inspizierte. Anfangs hat mich seine schamlose Neugier irritiert. Oft bringt er mir doch eher persönliche Sachen, böse Briefe von meiner Frau zum Beispiel. Den Rest des Beitrags lesen »

Die Unendlichkeit reklamiert

Unendlicher Spass

Jeden Februar wird Köln vom Karneval auf den Kopf gestellt. Ich war noch nie beim Karneval und werde es vermutlich auch nie sein, aber es geht dabei um Spass, das weiß jeder. Um Spass und Köln geht es auch hier. Den Spass repräsentiert ein unpassenderweise anstrengendes Buch – „Unendlicher Spass“ von David Foster Wallace. Köln repräsentiert der Verlag, der dieses Buch auf Deutsch und in einer sagenhaft schönen Ausgabe veröffentlicht hat: Kiepenheuer & Witsch. Ich habe Kiepenheuers Herstellungsabteilung eine Mail geschrieben, die für sich selber spricht:  Den Rest des Beitrags lesen »

Hommage an Frank Bodo Viets

Es ist schon ein paar Tage her, ich lebte noch in Deutschland, habe in einer Buchhandlung nach Trüffeln gegraben, als ein Herr um die Fünfzig dezent auf das Cover von „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ tippte, sich als Autor des Werks zu erkennen gab und versprach, mir ein signiertes Exemplar von einem seiner älteren Bücher zukommen zu lassen, wenn ich „Onno“ bei Amazon rezensiere und mit mindestens vier Sternen bewerte. Den Rest des Beitrags lesen »

Über Aufmerksamkeitsökonomie – Bitte sag, dass du mich magst …

«Magst du mich? Bitte sag, dass du mich magst.» Und wie wir alle wissen, gehen 99 % aller zwischenmenschlichen Manipulationsanstrenungen und Anmach-Verrenkungen darauf zurück, dass Aussagen wie diese fast schon als obszön gelten. Tatsächlich gehören solche direkten, gewissermaßen nackten Fragen zu den letzten echten zwischenmenschlichen Tabus, die wir haben. Sie wirken so jämmerlich und verzweifelt.

… schrieb David Foster Wallace in seiner Erzählung “Oktett” aus dem Band “Kurze Interviews mit fiesen Männern” (1999). Wahrscheinlich hat diese Aussage zur Zeit ihrer Veröffentlichung den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber mittlerweile hat Facebook diese “zwischenmenschlichen Tabus” mit Hilfe seines “Gefällt-mir-Buttons” eben mal so standardisiert. Den Rest des Beitrags lesen »