Freigeister

von kommentarblog

Freigeister

 If you’ve lost your faith in love and music

the end won’t be long

Because if it’s gone for you then I too may lose it

And that would be wrong

(Libertines/The good old days)

12. Juli 2014. Ich stehe vor der von einem Telekommunikationsanbieter gesponsterten Hauptbühne eines Festivals vor den Toren Lissabons. Direkt dahinter begegnen sich Tejo und Atlantik. Die Sonne ist schon eine Weile untergegangen. Es bläst ein frischer Wind aus Osten. Ich bin auf dem Weg zurück nach Deutschland und warte hier auf die Rückkehr zweier Helden aus dem Abspann meiner Jugend – der inzwischen zum Peter gereifte Pete Doherty und sein Busenfreund und liebster Feind Carl Barât. Zwischen 2000 und 2004 waren sie der Doppelkopf der Libertines, nahmen zwei Alben und ein paar Singles für die Ewigkeit auf, liebten einander, hassten einander und gingen bis auf weiteres getrennte Wege.

Carls Arbeiten nach den Libertines haben mich kalt gelassen. Pete(r) hat mit Fuck Forever meine Hymne der Nullerjahre veröffentlicht, und auch sonst gab es bei den Babyshambles und auf seinem Soloalbum reichlich magische Momente. Der Öffentlichkeit wird er trotzdem vor allem als Ex-Lover von Kate Moss und Charlotte Gainsbourg in Erinnerung bleiben, und vielleicht noch als derjenige, der im Alter von 27 Jahren den Suicide-Train verpasste, und wenn er nur zu high war, um rechtzeitig zum Bahnhof zu gelangen.

Bevor das Konzert beginnt, flimmern Werbefilme über die Bildschirme links und rechts der Bühne. Ich frage mich, wie Woodstock mit der entsprechenden Ausstattung ausgesehen hätte. Ich stelle mir Hippies vor, die Sonnenbrillen und Unterhosen mit exponiert gesetzten Marken-Logos tragen. Ich gehe die das Gelände rahmenden Buden ab. Eine Versicherungsgesellschaft sponsert den Schwangeren-Bereich und filmt die weiblichen Gäste ab, wie sie eine Gummigitarre hochhalten und sagen „Mama rocks“. Daneben steht die Schaubude eines Kondomherstellers, in der Pärchen durch gut koordinierte Fickbewegungen ein Kondom zum Platzen bringen sollen, während ein an Roberto Blanco erinnernder Einheizer sich über sie lustig macht. Sicher gibt es bessere Zeiten, doch diese war die unsere, denke ich, und wir befinden uns im Jahr der InkontinenzunterwäscheDie Publikumsreihen vor der Bühne sind erstaunlich licht. Vielleicht war die Band zu lange weg. Vielleicht können die Portugiesen mit der von britischem Poppunk infizierten Version von Saudade generell wenig anfangen. Ich lasse mir von einem pickeligen Teenager über einen Katheter ein Bier zapfen. Als ein paar Schritte weiter der Getränkecontainer auf seinem Rücken leer ist, sprintet er zum Heinecken-Zelt, als ginge es um sein Leben. Mich beschleicht die Befürchtung, dass dieser Abend meinen Erwartungen nicht standhalten kann.

Der junge Mann, den ich später als Wolf Schmid kennenlernen werde, steht neben mir auf der staubigen Hafenbrache. Eigentlich eine unauffällige Erscheinung – ich würde ihn normalerweise nicht bemerken, aber ohne weiteres meine Zähne von ihm richten lassen, oder ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen –, aber in einer wie auch immer gearteten Fremde, erkennt man sofort, wenn jemand in einem ähnlichen Kulturkreis sozialisiert worden ist, wie man selbst. Er ist nicht wie die anderen Ausländer mit seinesgleichen unterwegs, sondern mit einer Gruppe von Portugiesen. Ich kann es nicht ab, wie er Wohlbefinden signalisiert, obwohl er so offensichtlich außerhalb steht, wie er voller Inbrunst mit seiner versteiften Lockerheit hausieren geht, verkrampft und unterkühlt inmitten all der schnatternden, gelösten Portugiesen, die eine jeden Moment destillierende Zufriedenheit ausstrahlen. Als die Werbefilme ausgeblendet werden, ein zerfetzter Union-Jack mit dem Libertines-Logo über die Bildschirme flattert und  ‘We’ll Meet Again’ aus der P.A. tönt, vergesse ich ihn fürs Erste. Meine Sorge um Peter, beziehungsweise meine Liebe zu seinen Liedern, duldet keine anderen Sorgen neben sich. Die Band betritt die Bühne. Peter gleicht dem Peter aus den Klatschspalten und von youtube: Er wirkt eher wie ein aus dem Nest gefallenes Vogeljunges, als wie ein Rockstar. Dass er sich um sein Aussehen kümmert, signalisiert lediglich der Stofffetzen, den er sich um ein Bein gebunden hat und der sich später am Abend als Portugal-Flagge entpuppen wird.

Libertines NME

© NME 2014

Ein paar Lieder über habe ich Angst, dass meine Helden auseinander oder übereinander herfallen. Ich meine Peters Unsicherheit angesichts der lichten Reihen und der verhaltenen Publikumsreaktionen zu spüren. Seine Stimme eiert matt daher, er patzt auf der Gitarre herum. Ich fühle mich verantwortlich für sein Wohlbefinden. Ich entwickle Vatergefühle, hätte ihm gerne den Furz aus dem Hintern gedrückt, die Windeln gewechselt, irgendetwas getan, damit er nicht mehr wie ausgekotzt über die Bühne staksen muss.

Aber bald beginnen Peter und Carl zu lächeln, drängen zum Mikrofon in der Mitte der Bühne, atmen und schwitzen einander an, gniedeln um die Wette, als hätten sie ihre Gitarren eben auf dem Sperrmüll gefunden. Hinter der Bühne verschwindet ein wie ein Weihnachtsbaum beleuchtetes Kreuzfahrtschiff und nimmt Kurs auf dieses hoffnungslos verklärte Albion. „Sitting on the dock of the bay“ stimmt Peter an. Ich begreife, was ich immer geahnt habe: Diese hingekritzelten Songs sind kein misslungenes Nachahmen der hochmusikalischen Entspanntheit von the Clash, sondern genau so gemeint, als ein gezieltes Daneben, Monumente für die Poesie der Krakeligkeit.

Die Libertines sind eine der Bands, bei denen ein paar Leute zusammen Funken schlagen und viel mehr herauskommt, als die Summe der Einzelteile. Die beiden Hauptprotagonisten kommen vielleicht nicht immer klar mit ihren Leben, aber sie sind aufrichtig dabei. I get along/ singing my song/ people tell me I’m wrong/ fuck ‚em! Sie empfehlen, bloß nicht die Gezeiten der Seele Nächte ertränken und Tage fluten zu lassen, nur nicht schüchtern zu sein (Don’t be shy). Sie fragen sich, ob es grausam oder entgegenkommend ist, wenn man für sich behält, was man auf dem Herzen hat (Music when the lights go out). Sie stellen fest, dass es problematisch ist, wenn man seine Freunde, seine ganzen Bekannten und am Ende sich selbst hängen lässt, weil dann nur noch die Idioten, die Geier und die Totengräber Zeit für einen finden (The Saga). Das ist mehr als ein Konzert, mehr als Popmusik. Hier passt ausnahmsweise der abgegriffene Topos vom großen Kino. Die Regie liegt in den Händen von einem zum Minimalismus bekehrten Terry Gilliam. Das Drehbuch hat Charles Dickens geschrieben. Die Hafenbrache verwandelt sich in einen feuchtkalten Sumpf. Die Bühne in eine versiffte Großstadtgasse in Queen Victorias sweet England.

Bei Music when the lights go out müssen meine Arme zu den Seiten hinausgeschnappt sein. Ich berühre Wolf versehentlich an der Schulter und die Feindseligkeit fällt von mir ab. Im Verlauf der nächsten halben Stunde überkommt mich die Gewissheit, dass diese Lieder heute Abend mindestens einer ganz genau so empfindet, wie ich. Diese Musik hebt die Räume zwischen Menschen auf, legt Nabelschnüre, bringt Herzen auf Gleichschritt. Als ich am Ende von einem alles umarmenden Don’t look back into the Sun auf Wolfs verzücktes Gesicht schaue, wird mir klar, dass nicht nur Peter und Carl sich spätestens heute Abend wiederentdeckten, sondern auch ich eine jüngere, bessere, hoffnungsfrohere Version meiner selbst gefunden habe. Den Rest der Nacht über sitzen wir in Decken gehüllt auf dem Dach meines Campers, während unten Hamid schnarcht. Wir sprechen über Musik, Literatur, unsere Wege durch den Irrsinn, diese Stadt, die so nebensächlich und entschlossen am letzen Zipfel von Europa baumelt und in deren Zerrissenheit wir beide uns gerade so aufgehoben fühlen. Die Bässe vom Festival wummern noch bis ins Morgengrauen und blenden dann allmählich über in das geschäftige Brummen der Ponte-25-de-Abril über unseren Köpfen. Also machst du mein Buch und dann machen wir irgendwie weiter, sage ich. Gut, sagt Wolf, dann machen wir das so…