Vorkritik der Klagenfurter 7

von kommentarblog

Mehr Wasser

Der marokkanische Himmel war die Tage vor meiner Abreise ungewohnt dunkel. Ich habe mich in den seit Wochen brüllenden Nordwind gestellt und gründlich darunter gelitten, dass weder Spinnen noch eines der übrigen 6 Jurymitglieder mich zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2014 eingeladen hat. Ich behaupte, das Intensivitätsspektrum der menschlichen Gefühle ist beschränkt. Das soll heißen, das größere Drama fühlt sich nicht unbedingt schlimmer an, als das kleinere. Schlimm ist schlimm und manchmal ist es eben schlimmer.

Insofern war meine Gefühlslage bestimmt nicht unendlich weit entfernt von der eines auf Tod oder Rettung wartenden Jesus Christus. Ich jedenfalls hegte bis zum Schluss die Hoffnung, dass mein Gott mich nicht verlassen hatte, sondern es lediglich aus meiner beschränkten Perspektive danach aussah, aber ich hatte auch auf dem Schirm, dass das Gegenteil der Fall sein könnte. Diese Ambivalenzen führe ich darauf zurück, dass ich weder ignorant bin, noch blöd. Die Möglichkeit, bei der Vorauswahl nicht berücksichtigt zu werden, hatte ich nie ausgeschlossen. Ich hatte es kommen sehen, so wie Jesus wahrscheinlich genau darüber Bescheid wusste, dass das Lamm Gottes geopfert werden sollte, und trotzdem hoffte, dass er diese Metapher nicht wörtlich zu nehmen hatte, dass dieser Kelch schon vorübergehen würde. Die Argumente, mit denen ich mich auf die Enttäuschung vorbereitete, lagen auf der Hand. 1. war Spinnens Einladung, mich bei ihm zu bewerben, kein Versprechen und 2. weiß ich nach wie vor nicht, wer sich hinter diesem Spinnen verbirgt. Es ist genauso wahrscheinlich, dass Rumpelstilzchen sich einen Scherz mit mir erlaubt hat, wie es wahrscheinlich ist, dass Jurypräsident und Schriftsteller Burkhard Spinnen Kerouacs Attacke sportlich nahm und angemessen parieren wollte. Was dagegen sprechen könnte ist a) der flapsige Ton seines Kommentars, b) die Tatsache, dass er sich nicht outet, c) die Fehler in der Schreibweise von Kerouac. Aber: c) An drei Vokale in Folge ist man als Deutscher auch im Jahr 57 nach On the Road und im Jahr 20 nach Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone einfach nicht gewöhnt; b) Burkhard Spinnen kann gut besseres zu tun haben, als kleinen Lichtern die Zweifel aus dem Hirn zu kämmen; a) nach einem langen Haken auf die Zwölf hätten auch kampferprobtere Zeitgenossen als Spinnen Mühe mit dem angemessenen Ausdruck.

Während Jesus damals nur einen Trumpf im Ärmel hatte oder zu haben hoffte, spekulierte mein ambivalentes Ich in zweiter Instanz auf die mittlerweile eingeschlafene Debatte über den Zustand der deutschen Literatur. Die scheint die Juroren durchaus beeinflusst zu haben. Das Durchschnittsalter der Wettbewerbsteilnehmer ist auf ein Jahrhunderthoch von circa 43 Jahren gestiegen; die Schreibschulenabgänger- und Berlinerdichte ist unter ein Promille gefallen; lediglich die Frequenz der Autorenportraits-mit-Hand-im-Gesicht und der Geisteswissenschaftleranteil dürften etwa gleichgeblieben sein.

Da schreiben echte Menschen, über was, weiß ich in ein paar Tagen oder Wochen, sofern ich dazu komme und den Nerv dazu habe. Bisher wurzeln alle meine Eindrücke in den Vitae und deren Unterrubrik Preise/Stipendien, die mal mit szeniger Coolness übergangen, mal durch ein gekonnt gesetztes „zuletzt“ mit reichlich Projektionsraum ausgestattet, mal durch Nennung eines „Erasmus-Stipendiums der Europäischen Union“ ins Lächerliche gezogen wurde. Insofern und auch wenn ich grundsätzlich jedem Teilnehmer einen anständigen Text zutraue, bin ich von der Vorauswahl und damit von der Jury enttäuscht. Alles deutet wieder auf eine Literatur hin, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als das Leben in diesem liebevoll gestalteten Gehege, das sie Kulturbetrieb (33.) nennen. Eine Literatur, die in der freien Wildbahn ohne Aufmerksamkeits- und Alimentationssubventionen kaum eine Überlebenschance hätte und die besseren Plätze in den Regalen kampflos räumt, für schreibende Fernsehmoderatorinnen, Studentinnen, die auf alles scheißen und die ersten fünf Minuten der Vorlesung einfach schwänzen, oder sich als Freidenker gerierende Reaktionäre. Man redet sich ein, die Raubtiere jenseits der Gitterstäbe würden aus Respekt nicht angreifen. Es ist die Quadratur des Kreises, der ewig neu aufgerollte Versuch, Luxusproblemen eine existenzialistische Note anzudichten. Eigentlich keine schlechte Sache, weil es reiner Spieltrieb ist, ohne Notwendigkeit dahinter, aber doch ein bisschen pervers, wenn außerhalb des Geheges Menschen ertrinken, weil sie in seine Nähe kommen wollen, wenn anderen das Dach auf den Kopf fällt, während sie als entmündigte, misshandelte Hungerlöhner die Rechnungen für unsere Schnäppchen bezahlen, wenn Erste-Welt-Bürger sich über Telefonrechnungen beschweren, die das Jahresgehalt derjenigen, die die Beschwerden bearbeiten, weit übersteigen. Aber vielleicht ist unter diesen Voraussetzungen alles Unbeschwerte pervers. Kreuzigen lässt sich von den glücklichen Klagenfurter Schreibern 2014 jedenfalls keiner, aber der eine oder andere sagt bestimmt vernehmbar „igitt“, bevor er sich über die tägliche Futterration hermacht.

Und so fahre ich auf eigene Rechnung zurück ins kalte Herz von Europa, das ich schon immer so wenig verstanden habe, wie den Rest der Welt. Zurück in ein Leben, das es so wahrscheinlich nur noch in meiner Vorstellung gibt. Ich fühle mich ein bisschen gut und ein bisschen schlecht. Ich nehme mir den Märtyrer ab und lache ihn aus. Ich gebe dem Verlierer die Hand und stelle dem Gewinner ein Bein.

Vielleicht sollten Kulturfördermaßnahmen bisweilen prophylaktisch eingesetzt werden um größere Schäden zu vermeiden. Ein okay dotiertes Stipendium für den hoffnungsvollen Kunstmaler, und der zweite Weltkrieg hätte womöglich nie stattgefunden. Ein Preis und etwas Anerkennung für die Jahrhunderterfindung des Literaturgenres „Katzenkrimi, und Akif Pirincci hätte sich vielleicht mit Koks und Nutten begnügt und nicht noch ein Comeback als Poltergeist gestartet, der die Gegenwartsängste kleinlicher Materialisten in derbe Worte packt und leider klug genug ist, seine ständigen Wiederholungen und seine Verachtung für die eigene Zielgruppe gut zu verstecken. Seit der Löwenanteil an Textilien in Dritt- und Schwellenländern produziert wird, reißt öfter mal ein Vorhang, und das war bereits vor ca. 2000 Jahren der Auftakt einer grandiosen Schau.