Ouvertüre zur Vorkritik der Klagenfurter 7

von kommentarblog

Wasser

Mein Ducato ist bereit für die Fahrt in den Norden. Mustafa III Junior hat eine Woche lang geflext und geschweißt und dem Wagen ein Blau verpasst, das gerade dunkel genug ist, dass man es nicht Babyblau nennen kann und trotzdem so hell, dass der Innenraum unter der Sonne Nordafrikas und Südeuropas nicht zum Backofen wird. Mustafa III Junior hat mir auch neue Reifen aufgezogen und Schläuche und Dichtungen ausgetauscht, alles zusammen für einen Preis, den ich in Deutschland allein für die Lackierung eines Kotflügels bezahlt hätte (dass dabei wahrscheinlich weniger Hundehaare und Luftblasen im Lack gelandet wären, ist geschenkt). Trotzdem war es für Hassan III Junior ein gutes Geschäft. Das behauptet jedenfalls Hamid. Ich stand verschämt in der dunkelsten Ecke der Werkstatt, während Hamid kehlige Laute ausspuckte, mit angedeuteten Faustschlägen Hassan III Juniors Brustbein traktierte und den Preis aushandelte. Dabei stimme ich ihm nach knapp zwei Jahren in diesem Land zu, wenn er sagt, dass die Verzweiflung auf dem Gesicht eines marokkanischen Verhandlungspartners genauso verlogen ist, wie rotwangige Kinder auf Schokoladenpackungen. Trotzdem habe ich Mustafa III Junior nach getaner Arbeit außer der zweiten Rate noch einen Blaumann gegeben. Ich habe ihn in Originalverpackung im Stauraum unter einer Sitzbank gefunden. Nicht die leiseste Ahnung, was ich damit hatte anfangen wollen. Erste Hilfe für den Ducato? Nach Diamanten graben? Crack kochen? Ein Nebenverdienst als Mechaniker? Ich weiß es wirklich nicht. Ich tuckerte mit meinem Himmelsgefährt aus der Werkstatt und dachte, der Blaumann wäre zu warm für diese Gegend, mein gönnerhaft überreichter Bonus eine Farce, aber immer wenn ich Mustafa III Junior seitdem begegnet bin, hat er den Blaumann getragen und den Kopf viel aufrechter, als ich das in Erinnerung hatte.

Auch Hamid scharrt schon mit den Füßen. Er hat bei seiner in Dortmund verheirateten Schwester einen Platz auf dem Sofa reserviert und behauptet, sie würde ihm einen Job besorgen, sobald er dort aufschlägt. Die Post trägt bereits sein nächstjüngerer Bruder aus. Sein Onkel Hassan hat den Beamten von der Visumsbehörde mit einem Fächer aus 200-Dirham-Scheinen so lange unter der Nase herumgewedelt, bis sie ein Visum ausgestellt haben, auf dem ein prächtiger Prägedruck des Landeswappens prangt. Zwei Löwen mit beachtlichen Pratzen gieren nach den Kronjuwelen oder dem Pentagram darüber. Einen der Löwen sieht man im Profil. Das sichtbare Auge ist starr nach oben gerichtet. Der andere schaut gewissermaßen aus dem Wappen heraus. Vielleicht liegt die Scham eines beim Mundraub Ertappten in seinem Blick, vielleicht ist es eine Drohung an den Betrachter, sich nicht in eine Sache einzumischen, die ihn nichts angeht. Das hatte ich auch nicht vor, pardon. Die arabische Inschrift konnte ich trotz 20 Monaten Intensivstudium meines Kauderwelsch-Marokkanisch-Arabisch-Sprachführers nicht entziffern, aber Hamid hat mir geholfen.

Wenn ihr Gott beisteht, wird auch er euch beistehen“ – Koran, Sure 47, Vers 7. Man kann die Schuld immer beim Übersetzer suchen, aber mein Eindruck ist, dass dieselbe Botschaft in der Bibel poetischer klingen würde. Im Zusammenhang mit der Botschaft selbst lande ich dann auch prompt bei Jesu Versuchungen in der Wüste. Nach 40 Tagen Fastenzeit leidet er bestimmt an Magenkrämpfen und Mundtrockenheit, die Bibel bleibt in Detailfragen ja oft kryptisch. Der Teufel schleicht sich an und fordert ihn auf, die Steine rundum in Brot zu verwandeln und sich ordentlich satt zu essen, er wäre dazu doch in der Lage, als Sohn Gottes, „oder etwa nicht?“. Jesus äußerst sich dazu wahrscheinlich nur, weil seine Mutter ihm Manieren beigebracht hat. Aber der Teufel gibt keine Ruhe, fordert ihn auf, von einer Zinne eines Tempels zu springen, um zu sehen, ob Gott ihn auffängt, und zuletzt führt er ihn auf einen Berg, breitet die Arme aus und sagt: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“ (Mt, 4; 9). Die Pathosschleudern New Model Army, denen ich während meiner verschleppten Adoleszenz bis Mitte Zwanzig die Treue hielt, greifen diese Episode in Space auf: „And should the Devil come and should he say – ‚All of this will I give to you, if you just bow down and worship me‘ – I’m on my knees.“ Justin Sullivans lyrisches Ich fackelt nicht lang und folgt einer vagen Verheißung von Glück. Jesus hält sich dagegen bis zum Schluss an sein Skript, sofern man der Bibel glaubt. Er hängt schon am Kreuz, mit Dornenkrone und Spottinschrift und Essiggeschmack im Mund. Nach sechs Stunden zieht sich der Himmel zu und nach neun Stunden ruft Jesus in die Finsternis, warum Gott ihn verlassen hat. Kurz darauf sackt sein Kopf zur Seite und dieses Kapitel dieser Geschichte ist abgeschlossen. Was soll da noch kommen, denke ich als schreibender Mensch, aber das ist eine andere Sache. Bis hier beeindruckt mich zunächst nur Jesu Hartnäckigkeit im Vertrauen darauf, dass Gott ihm auf seine Art und Weise schon beisteht und eben nicht, wie er selbst sich denkt oder wünscht, dass er ihm beistehen sollte. Diese tapfere Hingabe ist so inspirierend und gleichzeitig so angsteinflößend. Die Leidensfähigen bekommen Demut eingeimpft, die Schweine dieser Welt wissen das auszunützen, der Verein der Fatalisten winkt mit dem Beitrittsformular und doch bin ich fasziniert von diesem gnadenlosen Ertragen, das sich aktiv und mutig gegen das Ablassen von einer obskuren Handlungsmaxime stellt, die im religiösen Kontext Glaube genannt wird, was eigentlich nicht mehr heißt, als dass die Entscheidungen, die einer trifft, argumentativ nicht hergeleitet werden können. Das lässt mich auch an Noah denken, der seinerzeit fern jeder Küste begonnen hat, eine dreistöckige Arche zu zimmern. Es ist möglich, dass ich an dieser Stelle demnächst die Brücke zu mir schlage.

Aber zunächst weiter mit Hamid. Er verrät mir nicht, wie viel sein Onkel für das Visum gezahlt hat, ich befürchte allerdings, dass es nicht das Papier wert ist, auf das es gedruckt wurde. Die Leute, die sich über Mittelmeer, Ärmelkanal, Bosporus, Donau oder Save auf den Weg ins gelobte Mitteleuropa machen, haben oft wenig oder noch ein bisschen weniger in der Tasche, aber kaum einer kommt ohne ein Stück Papier, für das er irgendjemandem viel Geld oder sonstige Güter und Zuwendungen gegeben hat. Bei Hamid ist es dieser nicht näher bestimmte Betrag marokkanischer Dirhams, abgekürzt von der Internationalen Organisation für Normung mit den griffigen drei Buchstaben MAD. Vielleicht sollten alle Währungen mit MAD abgekürzt werden oder gleich MAD heißen, aber das ist nun wieder kapitalismuskritisch klingendes Nichtssagen und damit entbehrlicher Mainstream. Die Mühe, die für die meisten von uns mit dem leidigen Geld verbunden sind, stehen mir jedenfalls demnächst auch wieder bevor. Ich hatte ja in der Tradition Jesu unablässig auf den ersten Preis in Klagenfurt vertraut, die 25000 € fest einkalkuliert und mit diesem Geld im Hinterkopf meinen Dispo und die Geduld meiner Frau bis ans äußerste ausgereizt, und jetzt bin ich schon wieder nicht einmal eingeladen. Ein paar Gedanken zur Bachmannpreis-Vorauswahl der Jury und zu meiner obskuren Handlungsmaxime reiche ich die Tage nach. Wer diesem Blog folgt hat bestimmt mitbekommen, dass Tage sich hier manchmal über Monate ziehen. Aber glaubt mir bitte alle: Das ist Teil der Lösung eines Problems, das ganz allmählich Gestalt annimmt, sich nach und nach aus einer festen Masse löst, wie die Vision des Bildhauers aus seinem Werkstoff.