König Salinger I — Ein einziges richtiges Buch

von kommentarblog

J.D. Salinger

J.D. Salinger in seinem blauen Overall inmitten unveröffentlichter Manuskripte (Collage unter Verwendung des Posters von „Breaking Bad“)/ © 2014 Konrad Geyer

J.D. Salingers Rückzug aus dem Literaturbetrieb ist einer der grossen Mythen des Zwanzigsten Jahrhunderts. So groß, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung Salingers Werk oft überschattet. Er wird kaum als der Großmeister der literarischen Postmoderne wahrgenommen, der er ist, sondern vor allem als Schöpfer von The Catcher in the Rye. Und dafür wird er bisweilen reichlich kleingeredet. Exemplarisch für die Vorwürfe, die sich der scheue Schreiber gefallen lassen muss, führe ich im folgende zwei Frechheiten der deutschsprachigen Literaturkritik an:

1. Andrea Köhler schreibt in einem grundsätzlich lesenswerten Artikel in der NZZ, dass Salinger „eigentlich nur ein einziges richtiges Buch“ veröffentlicht hat, das sie als „Schullektüre und Seelenbalsam für Generationen von Heranwachsenden“ charakterisiert. Sie ist nicht die Erste die Salinger vorwirft, er wäre lediglich für minderjährige Leser relevant und ihn damit in eine Reihe mit Captain Future, Hermann Hesse und den Backstreet Boys stellt, aber der Aussage „eigentlich nur ein einziges richtiges Buch“ fehlt nicht nur Stil, sondern auch Inhalt. Grundlagen der Buchwissenschaften I: Woran erkennt man richtige Bücher? — Köhler war wohl dabei, aber mir ist es ein Rätsel, welches die Kriterien für richtige Bücher sein sollen. Hat es mit den Vorgeschichten der im Buch versammelten Texte zu tun? Köhlers Artikel legt diese Antwort nahe, also lege ich ihr den Besuch eines Seminars über beispielsweise Charles Dickens ans Herz und schreite weiter zu Denis Scheck, dessen Gekrittel mehr Stil und Substanz hat, mir aber trotzdem ziemlich an die Nieren geht:

2. Scheck weiß, dass man Salinger nicht einfach ans Bein pinkeln darf und nennt ihn einen hervorragenden Stilisten, aber den Catcher haut er wegen der „großen moralischen Selbstgefälligkeit mit der sein Held über seine Mitwelt urteilt“ in die Tonne und behauptet, er habe sein Verfallsdatum überschritten. Harter Tobak für einen Fanboy wie mich, aber ein bisschen Provokation kann dem Unternehmen Literaturfernsehen nicht schaden, also geschenkt. Dann müffelt Schecks Kritik am Text nach Kritik an Salinger selbst, obwohl Scheck eigentlich nicht wirkt, als würde er von einem Dichter unbedingt einen makellosen Charakter erwarten, zumindest wenn er dem vollvermakelten Michel Houellebecq den Speichel geradezu aus den Mundwinkeln schlotzt. Und schon werde gemein und beschämend kleinlich. Da frage ich mich zum Beispiel, was für ein Kuriosum es ist, dass jemand mit diesem Gesicht und diesem Akzent ausgerechnet beim Bild-Ton-Medium Fernsehen landet? Nennt mich oberflächlich, aber das Gute, Schöne und Wahre stellt man sich anders vor, und wenn man wie ich ebenfalls keine Schönheit ist und mit Akzent spricht, darf man so etwas schreiben. Da frage ich mich auch, ob es notwendig ist, dass Scheck auf Kosten des Steuerzahlers in der Weltgeschichte herumgondelt und die besprochenen Bücher jeweils vor dem passenden Hintergrund in die Kamera hält, ob das mit einer Blue-Box und den Bildern hoffnungsvoller Nachwuchsfotografen nicht genausogut funktionieren würde, und ob den entsprechenden rosigen Teint nicht jede durchschnittlich begabte Make-Up-Künstlerin in Sekunden auf seine Bäckchen zaubern könnte?

Ich bin jedenfalls der Meinung, Salingers zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk hat es verdient, in seiner Gesamtheit wahrgenommen und unabhängig vom Neurosengarten seines Schöpfers kritisiert zu werden. Seine erste Geschichte The young folks wurde laut Anhang von The uncollected Stories of J.D. Salinger im April 1940 in Whit Burnetts Story-Magazin veröffentlicht, einige mehr bei diversen Zeitungen und Zeitschriften im Zeitraum bis 1965. Ein Teil davon ist gegen Salingers Willen in der verlinkten Veröffentlichung gesammelt worden. Ansonsten sind da noch besagter The Catcher in the Rye (1951), eine Sammlung von Stories aus dem Zeitraum ab 1948, die 1953 unter dem Titel Nine Stories veröffentlicht wurde (und später unter dem Titel For Esmé — with Love and Squalor), außerdem Franny (1955), Zooey (1957)(1961 als Franny and Zooey zusammen), Raise high the roof beam, Carpenters (1955) und Seymour — An Introduction (1959)(wiederum 1963 zusammen). Das ist nun kein Dostojewski oder Balzac, aber wenn Kiepenheuer & Witsch die gesammelten Texte zur Familie Glass in einem Band veröffentlichen würde, dann wäre das allemal eine Buchbinderische Herausforderung, und wer das alles erfassen will, hat ebenfalls eine Aufgabe.

Auch weil zwischen diesen Texten vielfältige und oft schwer überschaubare Bezüge bestehen. Einen schnellen Überblick bietet Wikipedia, wobei die Werke, die Buddy Glass geschrieben haben soll, nirgends beim Namen genannt, sondern lediglich entsprechend umschrieben werden. In dieselbe Kerbe schlägt auch der Text im Schutzumschlag meiner Ausgabe von Franny und Zooey (Kiepenheuer & Witsch 1963). Hier äußert sich „Der Autor zu seinem Buch“: Er selbst arbeite „wie ein geölter Blitz“, aber sein „zweites Ich“, der „Mitarbeiter Buddy Glass“ wäre „unerträglich langsam“, deshalb dauere es bis seine vielen Texte reif für die Veröffentlichung wären. Buddy Glass ist also Salingers Heteronym, Sidekick und Protagonist in einem. So entsteht ein wunderbares Durcheinander aus einem Roman, diversen Erzählungen, Mythen, Gedichten, Briefen, Klappentexten und Listen (ein großer Teil von Hapworth 16, 1924 ist eine kommentierte Leseliste). Nun bin ich bestimmt kein Spezialist in literaturtheoretischen Fragen, aber wenn dieses Werk nicht die wesentlichen Attribute postmoderner Literatur aufweist, dann weiß ich auch nicht. Dass Texte wie Seymor — An introduction und  Hapworth 16, 1924 schwer lesbare Zumutenen sind, sollte dem eigentlich keinen Abbruch tun. Der Buchtitel Salinger’s Glass Stories As A Composite Novelvon Eberhard Alsen deutet darauf hin, dass Salingers Werk außerhalb von Deutschland entsprechend wahrgenommen wird. Dabei ist seine größte Qualität, dass es sich nur sehr beiläufig avantgardistisch gibt. Im Zentrum des Interesses steht nie hohles literarisches Gemucke, sondern immer die Figuren und ihre Ambivalenzen. Um die dem unvoreingenommenen Leser so nahe wie möglich zu bringen, ist Salinger jedes Mittel recht. Darauf weist er in der Widmung von Raise high the roof beam, Carpenters/ Seymour — An Introduction hin:

„If there is an amateur reader still left in the world — or anybody who just reads and runs — I ask hin or her, with untellable affection and gratitude, to split the dedication of this book four ways with my wife and children.

Er will Leser wie mich und all die anderen Adepten, die lachen und leiden, wenn seine Protagonisten sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, bei einem Spiel mitzuspielen, dessen Grundregeln sie für verlogen halten. Leser, die den mit Gedichten beschriebenen Baseball-Handschuh von Holdens verstorbenem Bruder lieben. Die Frage, ob das Mädchen im Park das Museum mit den Bildern oder mit den Indianern besucht hat. Holden, weil für ihn das Pferd im Gegensatz zum Auto wenigstens menschlich ist. Franny, weil sie alle leid ist, die etwas werden und etwas Bemerkenswertes tun wollen. Zooey, der einen redlichen Gangster den hochgestochenen Collegeboys jederzeit vorzieht. Franny, weil sie Seymors Zähne so hübsch gelb findet. Buddy, weil er schreibt, dass sein Bruder Seymor das Licht in ihm von der Rückseite seiner Ohren auf jeden viertklassigen Kritiker werfen hätte können. Teddy, weil er meint, dass Dichter das Wetter zu persönlich nehmen und ihre Gefühle in Dinge stopften, die kein Gefühl haben. Selenas Bruder, weil er meint, dass Joan verdammt Glück hätte, wenn sie nur halb so gutaussehend wäre, wie sie denkt. Und das sind nur auf die Schnelle aus einem riesigen Fundus gepickte Beispiele.

Salinger hat den einzigen existenziellen Schritt, den in unserer deodorisierten Gegenwart fast jeder tut, nicht zur Marotte verklärt. Er beschreibt das Erwachsen-Werden als einen Prozess, der erst mit dem Tod endet. Wenn nur ein Bruchteil der Autoren, denen der Salinger-Stempel aufgedrückt wurde, nur den Bruchteil des Weltekels eines Holden Caulfield und einer Familie Glass in sich hätte, dann gäbe es an den Waldrändern dieser Welt ganze Holzhütten-Siedlungen, in denen sie hausen und sich taubstumm stellen würden, weil sie die Welt nur aus dieser Perspektive ertragen könnten. Wobei im Ernstfall ein Tipi im Tessin oder ein Camper in Marokko natürlich auch ihren Dienst tun. Ich glaube, Melville hat einiges richtig gemacht, als er uns das Alter und die Motivation von Bartleby (siehe 6.) vorenthalten hat. Wenn bekannt wäre, dass Bartleby die ganze Erzählhandlung über in der Entscheidungsphase steckt, würde der gleichnamige Text wahrscheinlich ebenfalls in einem Abklingbecken der Weltliteratur dem nächsten Jahrestag entgegenstrahlen.

Die Tage schreibe ich in König Salinger II zu ein paar Leuten, deren Arbeiten nach Salinger duften, ohne dass sie diese Referenz allzu lautstark für sich beanspruchen.