Ich bekenne, ich habe getrollt I: Arno Schmidt — Zettels Albtraum

von kommentarblog

"Unnützes Herz"/ © 2014 teresacortez.com

„Unnützes Herz“/ © 2014 teresacortez.com

Zu meiner Schwäche für Kommentarstränge unter Amazon-Rezensionen habe ich mich bereits an anderer Stelle bekannt. Beim Häuten der Zwiebel sind dazu nun noch ein paar Erinnerungen mehr an die Oberfläche meines Bewusstseins getrieben: Meine Beteiligung beschränkt sich nicht immer auf ein paar launige Bemerkungen im allgemeinen Getümmel. Wenn der Köder appetitlich genug ist, gebe ich einiges dran, ihn vom Haken zu bekommen. Wahrscheinlich, weil ich so oft mit meinen Worten allein bin und es ab und zu gut tut, direkt mit jemandem in Kontakt zu treten, und Vorlagen zu verwandeln oder ins Aus zu schießen. Ein besonders fetter Köder war dieses Schmuckstück unbestechlicher Laienkritik. Es lohnt sich nicht, den Text hier zu paraphrasieren. Er ist in seiner Gesamtheit ein wunderbares Lehrstück darüber, was passiert, wenn jemand der viel Wert darauf legt, mit beiden Beinen im Leben zu stehen, mit einem kompromisslosen Kunstwerk kollidiert:

Zunächst übersah ich dieses Potential und bot mich lediglich als dankbarer Drittverwerter des ungeliebten Buches an [1]:

Falls der Bekannte das Buch loswerden möchte, soll er bitte Kontakt mit mir aufnehmen. Ich wollte mir Zettels Traum schon immer anschauen, kann nicht garantieren, dass ich es wirklich lesen würde, aber generell habe ich Spaß an Büchern, über die man so schimpfen kann …

Meine Bitte wurde ignoriert und ich hätte sie vermutlich vergessen, wenn nicht per Mail über neue Kommentare zu Zettels Albtraum informiert worden wäre. Die Diskussion verlief träge und vorhersehbar. Aber ihr Urheber Stember stellte ein paar steile Thesen in den Raum, die bei mir einen Nerv trafen, bis der sich entzündete. Der Eiter musste raus:

Es ist ihr gutes Recht „Zettels Traum“ nicht zu mögen oder keine Lust zu haben, sich darauf einzulassen. Wie oben erwähnt: Ich habe bislang nicht einmal einen Blick riskiert, und da sie mir ihr Exemplar anscheinend auch nicht überlassen wollen, steht es in der Langstreckenkategorie weit hinter ähnlich ambitionierten Experimenten […]. Aber trotz meines Verständnisses provozieren einige ihrer Ausdrucksweisen einfach meinen Widerspruch. Der „überflüssige Blödsinn“, der „Nutzen“ und das „Nützliche […] und das Unnützliche“, die „sinnfreie Gedankenwelt“, die „langjährige Erfahrung mit wirklich guter Literatur“ (Betonung auf: wirklich), und die „sinnfreiesten Schmierereien“ im Museum: Ich glaube, es würde ihnen nicht schaden, ihren Horizont ein wenig aufzubrechen, weitzumachen, auszudehnen. Allerdings gehe ich d’accord mit ihnen, dass Schmidts härtester Brocken dazu nicht geeignet scheint. Das wäre, als wollte man eine Walnuss mit einer Planierraupe knacken …

Das saß. Stember holte eine Woche Luft und wollte dann wissen, was ich ihm damit sagen wollte. Dieser Bitte kam ich gerne nach:

Steht doch da: „Ich glaube, es würde ihnen nicht schaden ihren Horizont ein wenig aufzubrechen, weitzumachen, auszudehnen.“ Auf mich machen Sie einen bornierten, allzu selbstgefälligen Eindruck. Hier provozieren sie damit unterhaltsame Auseinandersetzungen, aber ich bin mir sicher, dass es anstrengend ist, wenn man persönlich mit ihnen zu tun hat, und auch, dass sie dem Gefühl zu wissen was Sinn macht und Nutzen hat, viel zu viel innere Freiheit opfern. Kurz: Die Welt wäre ein bisschen besser, wenn Sie ein ein paar Lockerungsübungen machen würden.

Ich gebe zu, mit den beiden letzten Sätzen beugte ich mich weit aus dem Fenster. Stember haute mir diesen Fauxpas um die Ohren, outete sich als profunder Kenner der Psychoanalyse und lehnte eine weitere Diskussion mit mir „aufgrund meines geringen Niveaus“ entschieden ab. Ich reagierte mit der angemessenen Aufrichtigkeit:

Und einmal mehr an meinem Niveau gescheitert … Es ist zum Heulen.

Während Stember mich nach Ankündigung mit meiner Schmach stehen ließ, meldeten sich andere Zeitgenossen zu Wort, und als das Feuilleton Arno Schmidts 100-sten Geburtstag feierte, fand sich unter Zettels Albtraum eine lustige Festgesellschaft ein, deren Zuspruch ich gierig aufsaugte, und deren angeregte Unterhaltung mich auf Ideen brachte:

Vielleicht deutet sich da ein Paradigmenwechsel an. Staubsaugerhersteller und dergleichen produzieren nicht mehr Nützliches, sondern geplante Obsoleszenz, und die unnützen Künste reagieren allmählich. Bei Arno Schmidt darf man das natürlich nicht erwarten. Zu seiner Zeit stand „Made in Germany“ noch für unzerstörbare Produkte, die Industrie hielt der Kunst den Rücken frei, und China war noch viel näher an der Agrarnation, als am Exportweltmeister. Aber genau jetzt schreibt Günter Grass anscheinend an einer Reperaturanleitung für Staubsauger der Marke Vorwerk, und Martin Walser hat als Veröffentlichungsdatum für sein Bioplätzchenbackbuch den 15. September ins Auge gefasst. Und nachdem ich mit meiner Literatur 25 Jahre gegen Wände gelaufen bin, versuche ich mich derzeit an einem Kriterienkatalog zur korrekten Bestimmung des Sinngehalts moderner Kunstwerke.

Ich schloss meinen Beitrag mit einem ernstgemeinten Aufruf:

@alle Nutzer des [nützlich? Ja/Nein]-Buttons: Was macht dieses [Nein] so attraktiv? Ist im gegebenen Fall nicht die Frage selbst eine Farce, die ignoriert gehört? Ist es nicht schön oder zumindest unterhaltsam, unterschiedliche Meinungen untereinander stehen zu haben? „Nicht-nützlich“, „Nazi“ und „Auslöschen“ — diese Worte provozieren bei mir alle einen ausgesprochen hässlichen Zungenschlag … Grund ihnen aus dem Weg zu gehen.

Die Lust, nicht geteilte Ansichten für unnütz zu erklären, macht mir ernsthaft Angst. Etliche Arno-Schmidt-Sympathisanten müssen unter den Aussagen Stembers fleißig [Nützlich? Nein!] geklickt haben. Nun halte ich Arno-Schmidt-Sympathisanten für tendenziell aufgeschlossene und intelligente Zeitgenossen. Und die sollten sich meines Erachtens dagegen wehren, dass unsere Befindlichkeiten auf Entscheidungsfragen reduziert und in schnöde quantitative Daten verwandelt werden. Damit gewinnen wir nichts, werden aber für den oder einen Markt berechenbar gemacht. Der Mensch, der mich interessiert, fühlt komplex und das ist gut so. Hat nicht die halbe Welt kürzlich über Markus Lanz hergezogen, weil der mit so viel Nachdruck fragte: „Sind sie für Ambivalenz, oder dagegen? Sagen sie schon! Dafür oder dagegen?


[1] Ich nehme mir die eitle Freiheit, meine Kommentare zu korrigieren und kürzen. Wer sie in ihrer ganzen Nachlässigkeit lesen möchte, kann das bei Amazon tun.

Advertisements