Das hier ist Wasser, Konrad

von kommentarblog

Es ist ein bisschen her, dass ich Hamid Das hier ist Wasser gegeben habe. Ich war davon ausgegangen, er würde tatsächlich innerhalb kürzester Zeit Deutsch lernen und inhaltlich ein wenig hinterherhecheln. Was für eine Arroganz. Er verschwand nach unserer Fotosession mit seinem neuen Buch, und als ich drei Wochen später danach fragte, behauptete er, den gesamten Text auf Deutsch und Englisch aus dem Gedächtnis zitieren und einfache Unterhaltungen in meiner Muttersprache führen zu können. Das wollte ich genauer wissen. Ich bot ihm zu trinken an. Weil er noch einiges an Post in der Tasche hatte, schlug er meine Einladung aus, versprach aber wiederzukommen, wenn er damit fertig war.

Ich hatte mir in der Zwischenzeit Wallaces Text in Erinnerung gerufen. Auch nach dem zweiten Durchgang bin ich kein großer Fan von Das hier ist Wasser. Man kann das dünne Buch lesen oder sich die Rede anhören und verliert bestimmt nichts dabei, aber im Gegensatz zu den meisten seiner anderen Bücher, profitieren davon weniger die Leser, als die Kassen der Verlage, die es im Programm haben. Es ist David Foster Wallace für alle, die ihn schon immer lesen wollten, sich aber nicht anfreunden konnten, mit den kleinen Buchstaben, den Ausschweifungen und den weit hergeholten Zusammenhängen, mit den Fußnoten, die nicht nur Unendlicher Spass streckenweise zur Zumutung machen. Es ist die Vorstufe der David-Foster-Wallace-Lektüre-für-Minuten, mit deren Hilfe man auf sozialen Netzwerken bestimmt jede Menge Punkte sammeln könnte. Was wiederum nicht heißen soll, dass ein David-Foster-Wallace-Sprüche-für-alle-Lebenslagen-Buch keine gute Idee wäre. Er hat einige davon. Zum Beispiel den hier: 6.

Ich war jedenfalls ziemlich neugierig, was Hamid dazu sagen würde. Es dämmerte bereits, ich briet Süßkartoffeln im Stil süddeutscher Bratkartoffeln. Ich rechnete nicht mehr mit ihm und zuckte zusammen, als sein Mondschatten durch die Schiebetür meines Wagens fiel. Ich bat um einen Moment Geduld. Er setzte sich auf einen der Klappstühle vor der Tür und kommentierte das Ächzen des vom ewigen Temperaturwechsel verzogenen Holzes mit einem grellen, fingerlosen Pfiff. Mit zwei vollgepackten Tellern kam ich nach draußen. Allem Anschein nach schmeckte es ihm. Wir unterhielten uns eine Weile auf Deutsch. Es funktionierte wirklich einigermaßen. Er sprach in kurzen Sätzen, aber sein Wortschatz war durchsetzt von Begriffen wie Grabenkämpfe, aufgebrezelt oder Konsumhölle, die im gegebenen Kontext einigermaßen albern und bedingt passgenau wirkten. Als ich wieder nach dem Buch fragte, schaltete er auf Englisch um. Die Grundsituation — eine Rede für Collegeabgänger — war ihm fremd. Er ist in Sidi Ifni großgeworden und nur vier Jahre zur Schule gegangen. Sein Vater arbeitete und arbeitet für eine Hochseefischerei. Die meiste Zeit war er auf See. Hamid wurde am Tag nach seinem elften Geburtstag nach Legzira geschickt, ein Strand, der ein paar Kilometer nördlich von Sidi Ifni zwischen den Klippen liegt. Wie auch seine fünf älteren Brüder hauste er dort in Baracken aus Zement und Treibgut, und lebte die südmarokkanisch-ländliche Variante einer frühen Weichenstellung Richtung Karriere in den Fußstapfen des Vaters. Sie kifften viel und spielten Fußball auf dem Strand, aber vor allem sammelten sie erste Erfahrungen als Jäger und Sammler von Fischen und Meeresfrüchten: Jeden Tag fuhren Sie auf improvisierten Schwimmgeräten aufs Meer oder kletterten auf der Suche nach Entenmuscheln in den Brandungsfelsen herum.

Nachdem seine beiden ältesten Brüder dabei vom Meer verschluckt worden waren, besorgte ihm sein kinderloser Onkel Hassan den Job als Briefträger. Damit stieg Hamid zu einem der wenigen Leute auf, die dauerhaft in Ifni lebten, einen festen Job hatten und dem Zombieprinzip Arbeit auf den Leim gingen. Hamid war damals Dreizehn. Den älteren Brüdern bin ich bei meiner ersten Marokkoreise um die Jahrtausendwende begegnet. Hamid nur vielleicht. Er lebte damals noch bei seiner Mutter, aber die Wochenenden verbrachte er oft in Legzira. Es kann sein, dass ich ihm keinen Kugelschreiber gegeben habe, weil ich bei Reise-Know-How gelesen hatte, dass man Erwartungen überhaupt nicht erst wecken sollte. Es kann sein, dass ich ab und zu nach dem Geldbeutel in meiner Hosentasche tastete, während ich mit ihm Fußball spielte oder die tapsigen Hundewelpen besuchte, die in den Felsbrocken am Fuß der Klippen hausten.

Die Aufhängergeschichte von Das hier ist Wasser, die von den beiden Fischen erzählt, die nicht wissen, was zum Teufel Wasser sein soll, fand Hamid nicht weiter bemerkenswert. Die Sache mit dem Atheisten, der sich im Schneesturm verliert und beschließt, Gott eine Chance zu geben und ihn um Hilfe bittet, dann aber doch nur von Eskimos gerettet wird, hielt er für einen guten Witz. Die Sache mit der Standardeinstellung, in der wir uns mit unseren jeweils ureigenen Schwächen, Stärken, Gedanken und Gefühlen für den Mittelpunkt des Universums halten, kam ihm weit hergeholt vor. Was ihn dagegen brennend interessierte war die Frage, was er sich unter einem Hummer oder einem SUV vorzustellen hatte, über deren Hirnrissigkeit Wallace sich ausgiebig auslässt. Ich erklärte ihm, dass das überdimensionierte Autos waren — nicht zeitgemäß, weil sie Strassen verstopften, Treibstoff verschwendeten und Kinderhirne fraßen. Er verstand nicht, was dagegen einzuwenden sein sollte. Wenn einer genug Geld hatte, sich so etwas anzuschaffen und am Laufen zu halten, sollte er das doch auch zeigen. Bis da hin war mir nicht klar gewesen, wie sehr wir uns in Bezug auf ebendiese Standardeinstellung tatsächlich unterschieden. Der dem Ganzen zu Grunde liegende Individualismus ist ein Prinzip, das schon im Süden Europas mürbe wird, und im Norden Afrikas wie eine Geschichte aus 1001 Nacht klingt. Dabei hatte ich die Variationsmöglichkeiten der Standardeinstellung sozialisiert in einer Industrienation mit Tradition maximal ausgereizt. Ich war übersättigt von einem Sicherheitsbegriff, den ich nicht teilte, von Kommunikationsmöglichkeiten, die mich überforderten und Unterhaltungsangeboten, die mich einschläferten. Und einer mit der Standardeinstellung sozialisiert in einer konstitutionellen Monarchie deren Volkswirtschaft sich auf Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau stützt, einer wie Hamid also, lehnte sich auch weit aus dem Fenster, wenn er Bücher fraß, von einem vergoldeten Macbook träumte und sich mit mir Filme anschaute, in denen depressive Frauen in der Badewanne rauchten oder seltsam frisierte Madames sich nach dem Himmel sehnten.

Standardeinstellung maximal ausgereizt

Ich versuchte ihm klarzumachen, wie eklig ein SUV ist, und welche Probleme es beispielsweise in der engen Straße gemacht hätte, auf der seine Mutter Orangen verkaufte. Hamid grinste mich nur an und behauptete, ich wäre neidisch, weil ich mir kein Fleisch, keinen Fisch und schon gar kein SUV leisten konnte. Ich war sprachlos. Aber daran hielt er sich kaum auf. „Brotlose Kunst“ schob er noch hinterher, wo auch immer er das aufgeschnappt hatte, und dann wollte er wissen, wann ich nach Europa zurückfuhr und ob er mitkommen konnte. „Von mir aus schon“ sagte ich, nicht direkt in der Hoffnung, aber in der stillschweigenden Annahme, dass daraus sowieso nichts wird. „Wann?“, fragte er. Ich wusste es nicht und weiß es nicht, aber allzu lange kann es nicht mehr dauern. Die vom Versicherungsbroker finanzierten Bonusmonate sind bald vorbei, vor allem, wenn ich etwas Geld in der Hinterhand halten will, für den Fall, dass nicht nur der dem Meerwind zugewandte Kotflügel meines Wagens, sondern auch die eine oder andere Bremsleitung oder -scheibe verrostet ist, oder dass meine unter dem aufgebockten Wagen gelagerten Reifen so spröde sind, wie sie wirken. Außerdem rückt mein Etappenziel Buchveröffentlichung in greifbare Nähe, meine Kinder würde ich auch gerne mal wieder sehen, und meine Frau hat versprochen, mir zumindest noch eine Chance zu geben, wenn ich bis spätestens April zurück bin und einen Plan für meine Zukunft in der Tasche habe, der nicht wie der Plot für einen utopischen Roman klingt. „Brotlose Kunst, Hamid“ sagte ich, „das ist das Wasser, in dem Fische wie ich herumschwimmen.“ Falls jemand noch ein bisschen mehr über schwimmende Fische lesen will, die Entscheidungen treffen, oder auch nicht, findet er das unter aus dem Kontext, Nr. 26 und Nr. 27.