Dann ist die reine Stille der absolute Krach

von kommentarblog

Im Frühsommer 2012 habe ich mich in meinem Ducato-Camper (BJ 1986) auf den Weg nach Marokko gemacht. Knapp 3700 Kilometer, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 80 Kilometern in der Stunde, bei einem Lärmpegel wie auf Startbahn 1 in London-Heathrow. Bis Madrid hielt mich ein junger Mitfahrer mit Geschichten aus seinem gebrochenen Herzen bei Laune. Keine davon war besonders überraschend, aber er trug sie so leidenschaftlich vor, dass ich ihm gerne zuhörte. Am vierten Tag der Reise wollte ich bis Algeciras kommen, um von dort am Morgen die erste Fähre nach Tanger zu nehmen. Ich kam in Madrid erst spät los und steckte zweieinhalb Stunden im Transitstau fest. Die flimmernde Hitze, die sich allmählich über der iberischen Halbinsel breitmachte, setzte mir zu. Als der Abend dämmerte hatte ich noch gut 200 km vor mir. Ich konnte die Augen kaum noch offen halten. Ich hatte Kopfschmerzen vom Knattern des Dieselmotors und vom Poltern des Fahrtwinds. Ich beschloss, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Schon lange hatte ich vor, Neil Youngs Arc, Lou Reeds Metal Machine Music und Sonic Youths Silver Sessions in einem Rutsch durchzuhören. All diese Alben bestehen in erster Linie aus übereinandergeschichteten Gitarrenfeedbacks. Arc ist dabei noch am leichtesten zu verdauen. Young nimmt Songfetzen, Band- und vor allem Gitarrenlärm von der Ragged-Glory-Tour mit Crazy Horse und verquirlt sie zu einer 35-minütigen Soundcollage. Navid Kermani schreibt dazu im Buch der von Neil Young getöteten:

„Wenn das unverhüllte Licht, wie die Sufis sagen, absolute Schwärze ist und die Erkenntnis der absoluten Existenz die Erkenntnis des absoluten Nichts, dann ist die reine Stille der absolute Krach.“

Sonic Youth und Lou Reed gehen noch weiter und lassen alles was mit Harmonie zu tun hat außen vor. Vor allem Reeds Eskapaden haben mehr von einem Bohrer, der sich in eine Zahnwurzel frisst, als von Musik. Die entsprechende Playlist wartete seit einiger Zeit auf ihren Moment. Ich kurbelte die Scheiben nach oben und drehte den Lautstärkeregler meines Radios bis zum Anschlag. Meine Kopfschmerzen ließen beim ersten Durchgang nach, meine Müdigkeit beim zweiten. Insgesamt drückte ich drei mal auf Play. Ein paar Kilometer vor Alceciras verließ ich die Autobahn, fuhr über Landstraßen und Feldwege, bis außer dem Licht meiner Scheinwerfer kein künstliches Licht mehr zu sehen war. Ich parkte in einer gemütlich gewellten Landschaft, schaltete das Radio ab und legte mich in die Schlafkoje unter dem Dach.

Drei Stunden wälzte ich mich hin und her, dann zog ich mich wieder an, ging ein Stück, hockte mich in eine Wiese und schaute zu den Sternen. Als das Morgengrauen den Horizont jenseits einer Reihe verwachsener Olivenbäume aufhellte, konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben nachvollziehen, dass es ein Gefühl gibt, für das wie neu geboren die einzig adäquate Beschreibung ist. Die Stille in dem Moment, als die Sonne auftauchte, war so vollkommen und transparent wie die Luft nach einem schweren Gewitter. Young, Reed & Co. hatten ihr Platz geschaffen.