Es läuft nicht so … Darbende Schriftsteller über darbende Schriftsteller

von kommentarblog

Symposium darbender Schriftsteller 1

(v.l.n.r.) Jack London, Jack Kerouac, Jörg Fauser und Paul Auster beim „1. Symposium darbender Schriftsteller“; November 2013 in Sidi Ifni/Marokko

Obwohl ich Bücher über Schriftsteller nicht mag, habe ich unter der Markise vor meinem heißen Wagen zuletzt vier Bücher gelesen, in denen es vor allem um Schriftsteller ging. Es waren ziemlich realistische Bücher. Keine Schreibtische mit Blick über die Brookyn-Bridge, keine weißen Blätter, die mit Bedacht in Schreibmaschinen gewalzt werden, keine Ebenholzpfeifen und keine seidenen Bademäntel. Statt dessen Verlegenheitsjobs, Schreibklos, unbeantwortete Manuskripteinsendungen und unbezahlte Rechnungen. Der Plot ist in den Grundzügen immer derselbe: Jemand kämpft darum, Schriftsteller zu sein, beziehungsweise, in seinem Leben reichlich Zeit zum Schreiben zu haben, und es läuft nicht so …

Martin Eden von Jack London hat dabei das Zeug zur heiligen Schrift verschmähter Schreiberlinge. Die Geschichte spielt vor allem in Oakland, um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Literatur ist eine Sache der gehobenen Klassen. In den Hinterhauskneipen von San Fransisco regt sich der erste Widerstand gegen die Ausbeutung der Arbeiter. Und mittendrin steckt Martin Eden, ein ungebildeter Matrose mit einem Überschuss an Lebenserfahrung und -energie. Martin will schreiben. Einerseits, um die zur Oberschicht gehörende Ruth zu beeindrucken und ihr Herz zu erobern. Andererseits, weil er „eines der Augen werden“ will, „durch die die Welt“ sieht, „eines der Ohren, durch die sie“ hört, „eines der Herzen, durch die sie“ fühlt. Mit viehischer Kraft stemmt er sich gegen Konventionen, schreibt erste Texte, lernt aus seinen Fehlern, wuchtet sich aus seiner Naivität, und wird zum schärfsten Kritiker und überzeugtesten Unterstützer seiner selbst. Er liest und schreibt wie besessen, hungert und verarmt, schläft kaum noch und rennt gegen die literarische Gesellschaft seiner Zeit an. Er gewinnt Ruths Herz, und er verliert es wieder. Als er nach Jahren der Entbehrung von einer Welle der Anerkennung überrollt wird, kann er damit nichts mehr anfangen. Enttäuscht und ausgebrannt wendet er sich ab und nimmt sich das Leben. Eine Märtyrergeschichte, streckenweise reichlich pathetisch dargeboten, aber wer je an erzählenden Texten gearbeitet hat, von denen er sich wünschte, dass sie auch von Leuten gelesen werden, mit denen er nicht in freundschaftlichem oder familiärem Verhältnis steht, müsste sich hier auf mindestens jeder dritten Seite wiedererkennen.

So erging es wohl auch Jack Kerouac. Ich gehe davon aus, dass er Martin Eden kannte. Mit Sicherheit kannte er die Biografie Jack Londons, und die deckt sich in weiten Teilen mit dem, was wir von Martin Eden wissen. Kerouac schreibt darüber in Die Verblendung des Duluoz: „Es war im Sommer 1940, und ich hatte nichts zu tun, als […] Jack Londons Biographie zu lesen.“ Um schreibende Leute, die an Schwellen stehen oder sich die Zähne daran ausschlagen, geht es in allen seinen Büchern. In Bezug auf Scheitern und Frustration wird er in seinem letzten Roman besonders deutlich. Bitter und desillusioniert erzählt er von „den Schwierigkeiten“ die der Duluoz „zu überwinden hatte, um von 1935 bis […] 1967 […] in Amerika zu überleben und […] ein Literat zu werden, dessen Erfolg nicht zum glücklichen Triumph wurde, […] sondern zum Signal für seinen eigentlichen Untergang.“ Es geht um seine Studien, den zweiten Weltkrieg und die Anfänge der Beats. Die vielen Bezüge auf Melville und Shakespeare lassen keinen Zweifel, wie Kerouac selbst seinen literarischen Status einschätzt und dass er darunter leidet, von der Kritik als eine Art James Dean der Literatur abgekanzelt worden zu sein, als ewiges Talent, das daran scheiterte, erwachsen zu werden und seine wilden Texte zu bändigen. Eine Ironie des Schicksals, dass der Roman zwei Tage nach dem Tod von Neal Cassady erschien, und anderthalb Jahre vor seinem eigenen.

Kerouac wiederum ist eine der wichtigsten Referenzen von Jörg Fauser. In Rohstoff (1983) inszeniert der sein Alter Ego Harry Gelb als Jacks europäischen Seelenbruder. Harry kämpft im Istanbul, München, Berlin und Frankfurt der 70-iger-und 80-iger-Jahre um Selbstdiziplin und darum, als Schriftsteller anerkannt zu werden: „Niemand kam als Schriftsteller zur Welt. Schriftsteller wurde man“ schreibt er. Die Drogen sind härter als bei Kerouac, die Sexszenen werden expliziter geschildert, Subversion ist en Vogue und für Harry bereits eine Farce. „Es schien überhaupt keine Möglichkeit zu geben, in diesem System zu Potte zu kommen mit dem, was man machen wollte. Die herrschenden Cliquen hatten die Bälle […] unter sich verteilt — die Rechten das Business, die Linken die Kultur, wer da durch den Rost fiel, blieb für immer unten“ Gelb ist entsprechend frustriert, aber ans Aufgeben denkt er allenfalls, wenn er verkatert oder auf Entzug ist. Entlang diverser Gelegenheitsjobs und schlecht honorierter Untergrundpublikationen hangelt er sich durch ein abgerissenes Leben. Über anerkannte schriftstellernde Zeitgenossen wie Grass, Böll und Walser lästert er nur. Wie bei Kerouac auch, bleibt das Ende offen. In der Realität haben jedoch beide ihre letzten Schritte in die Fußstapfen von Martin Eden gesetzt. Kerouac starb  nach jahrelangem Drogen- und Alkoholmissbrauch an einer Leberzirrhose. Fauser wurde als Fußgänger auf der A 94 bei München von einem LKW überfahren, und ich kann ihn mir dabei beim besten Willen nicht anders als torkelnd vorstellen.

Von Paul Austers Büchern lasse ich eigentlich die Finger. Ich kann seine konsensintelektuelle Geschwätzigkeit nicht mehr ertragen. Seine Süffisanz. Seine buchhalterisch durchkalkulierte Pseudoverrücktheit, die eigentlich nur mittig ins Herz arrivierter Literaturkreisdamen zielt. In seiner Überpräsenz erinnert er mich an Bono Vox und Sascha Lobo. Die Signature-Augenringe sind seine Version der Signature-Sonnenbrille oder des Signature-Irokesenschnitts. Seinen autobiographischen Kurzroman Von der Hand in den Mund habe ich nur gelesen, weil er so gut in diese Reihe passt. Auster schreibt über seine schriftstellerischen Lehr- und Wanderjahre während der 60-iger- und 70-iger-Jahre in New York und Paris, ein kurzes Intermezzo in Mexiko ist auch dabei. Ständig täuscht er dabei Selbstkritik an, um dann Selbstbeweihräucherung zu betreiben. Er schreibt Sätze wie „Wer als Schriftsteller selbstzufrieden wird, hat praktisch ausgespielt“, und „ich muss […] absolut schrecklich, unerträglich und konfus gewesen sein“, und eigentlich sagt er damit nur: Schaut her, was für eine schräge Type ich einstmals gewesen bin. Im letzten Buchdrittel hat er mich dann aber doch bekommen. Verhältnismäßıg unprätentiös bringt er eines der Grundprobleme künstlerischen Schaffens im Kapitalismus auf den Punkt: Es geht darum, die Bedürfnisse des Körpers mit denen der Seele zu vereinbaren. „Zeit auf der einen Seite der Gleichung, Geld auf der anderen. […] Ich hatte mich zu sehr auf die Zeit und zu wenig auf das Geld konzentriert, mit dem Ergebnis, daß ich jetzt weder das eine noch das andere hatte.“ Wenn man Geld in der gröberen Kategorie Anerkennung fasst, bringt es den Grundkonflikt all dieser Typen und Romane auf den Punkt. Dabei haben Geldnot und fehlende Anerkennung auch ihr Gutes. Diejenigen, die darunter leiden, werden an die Ränder gedrängt und Distanz zum Geschehen hat immer das Potential, Überblick zu schaffen. Außerdem zwingt einen Geldnot dazu, in Jobs zu arbeiten, von denen man einfach so eher die Finger lassen würde. Dabei begegnet man Typen. Darin stecken Stoffe.

In der deutschen Gegenwartsliteratur scheinen solche Fragen keine große Rolle zu spielen. Die Protagonisten und Protegés bei Bachmannpreis oder Open-Mike hadern eher damit, ob sie überhaupt echte Schriftsteller sind, was auch immer das ist. Wahrscheinlich ist das bezeichnend im Zeitalter der Ökonomisierung von Allem und Jedem. Beruf, Profession und Nützlichkeit sind das Maß aller Dinge. Die Tatsache, dass einer ein Groß seiner Zeit damit verbringt, Worte aus Buchstaben und Sätze aus Worten zu bilden, und damit nur im Ausnahmefall zum gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess beiträgt, ist in einem solchen Setting genauso existenziell, wie das eingefallene Gesicht eines Martin Eden, die Depression eines Duluoz, oder die Selbstverstümmelung eines Harry Gelb. Every generation has it’s own disease. I’ve got mine. So help me please“ sang ich in meiner Jugend. Ein Song, der gewinnt, wenn man sich aus großer zeitlicher Distanz daran erinnert. Von wem die Hilfe kommen soll, weiß keiner so recht, aber fragen kostet bekanntlich ja nichts …

P.S.: Ein paar Zitate, die hier zu sperrig wären und auch ohne Kontext Sinn machen, habe ich bei „AUS DEM KONTEXT“ 18. — 24. geparkt. Wer mag, der möge …