Burkhard Spinnen vs. Jack Kerouac. Oder: Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 3

von kommentarblog

Kerouac verpasst Spinnen einen langen Haken mit Rechts (Collage unter Verwendung eines Filmstills aus Martin Scorcece, "Raging Bull")

Kerouac verpasst Spinnen einen langen Haken mit der Rechten (Collage unter Verwendung eines Filmstills aus Martin Scorsese, „Raging Bull“/ © 2013 Konrad Geyer)

Burkhard Spinnen (hat Zé do Rock und Nadine Kegele eingeladen):

Zu keinem Jurymitglied ist mir vergangenes Jahr so wenig eingefallen, wie zu ihm. Dabei führte Spinnen damals eine interessante Diskussion. Im Zusammenhang mit Leopold Federmairs Aki sagte er, Jack Kerouac würde immer nur behaupten, irre Typen würden irre Sachen machen, aber nie beschreiben, was genau sie tun. „Wir lagen auf dem Bett und redeten über alles Mögliche“ nannte er als Beispiel und erntete dafür reichlich Gelächter.

Meine erste Lektüre von On the Road – Die Urfassung lag damals ein paar Wochen zurück. In der überheblichen Annahme, Kerouac hätte außer Drogen, Highways und Sex nichts zu bieten, hatte ich ihn lange gemieden. Ich erinnere mich nicht, was mich dazu bewogen hat, es doch zu versuchen. Aber der Eindruck, von einem Text mit der Energie eines amerikanischen Straßenkreuzers überrollt worden zu sein, hält an. Meine Einwände gegen Spinnen und das, was er von sich gab, schwebten dagegen wölkchenweise in mein Bewusstsein. Was für eine Vorstellung von irr sein sein kann dieser Spinnen haben, dass das irr sein, von dem Jack Kerouac so atemlos und übersteuert schreibt, für ihn nicht als solches durchgeht?

Ich kenne Burkhard Spinnen nicht persönlich. Aber ich kenne ihn als dasjenige Jurymitglied, das ausgiebig und ungeniert über sein Privatleben plaudert. Er ist oft klug, meistens pointiert und die Gedanken schalten bemerkenswert schnell in seinem blanken Schädel. Aber er wirkt auch satt und durchschnittlich. Sympathisch wird er, wenn er öffentlich macht, dass eine Performancemaschine wie Joachim Meyerhoff seinen Neid erweckt, oder wenn er Die Hard IV in die Diskussion einbringt. Allzu behäbig wirkt er, wenn er die Cremetorte als Tropus für den Höhepunkt seiner Rede hernimmt, oder sich als Großstadt-Tatort-Junkie outet.

Ich kenne Spinnen auch als Schriftsteller. Ich habe gut 40 Seiten seines Jugendbuchs Müller hoch Drei gelesen. Ein toller Absatz steckte darin, vermutlich die Keimzelle des Textes: Ein Elternpaar steht Händchen haltend vor dem vierzehnjährigen Sohn Paul und erklärt: „Wir trennen uns“ Paul ist zunächst geschockt und macht sich seinem Alter und der Situation angemessene Gedanken. Die Eltern spezifizieren ihre Aussage: „Es ist nicht, was du denkst […] Von Scheidung kann keine Rede sein. Papa und ich verstehen uns glänzend. […] Wir trennen uns bloß von dir.“ Das steht auf S. 8 des Buches, auf S. 2 des Textes. Damit ist die Cremetorte eigentlich schon verspeist. Danach kommt nicht mehr viel. Meine Einwände gegen den Text hier aufzuführen, würde am Thema vorbei gehen. Nur ein Originalzitat sei mir gegönnt: „Der große Tausendfüßler der Peinlichkeit“ lief mir bei der Lektüre permanent „den Rücken herauf und wieder herunter“.

Ich kenne Spinnen auch von Wikipedia. Demnach ist er Einzelkind. In seinem Lebenslauf scheint nicht viel Platz für ausladende Initiationsbewegungen – Abitur, Wehrdienst, Studium, Promotion, wissenschaftliche Assistenz, freie Schriftstellerei, verheiratet und Vater zweier Söhne – eine Künstlerlaufbahn im Mäntelchen jeder Menge Vernuft und Anpassung. Welten entfernt vom leidenschaftlichen Stolpern eines Jack Kerouac.

Ich kenne Spinnen auch aus der Google-Bildersuche. Er ist Kotelletten-, Bart-, Mützen-, Hut-, Brillen-, Glatzen- und Goldzahnträger. Sein Portraitgesicht hat sich über die Jahre kaum verändert. Sein Gesichtsausdruck ist immer wach, freundlich und ein wenig süffisant. Ich assoziiere diesen Ausdruck mit Seife. Vorstellbar als Merchandise-Gimmick eines aufgetunten Bachmannpreises: Ein Stück Kärtner Lavendelseife in Burkard-Spinnen-Form. Kantenlos, flutschig und sanft pflegend.

Jack Kerouac kenne ich auch nicht persönlich. Aber ich kenne ihn aus seinen Büchern. Nach On the Road las ich Die Verblendung des Dulouz, Gammler, Zen und hohe Berge, Engel, Kif und neue Länder, Tristessa und Be-Bop, Bars und weißes Pulver. Er schreibt über vieles. Auch eine oder vielleicht sogar mehrere Nächte, in denen er mit seinen irren Jungs auf dem Bett sitzt, die Augen geschlossen hält und über alles Mögliche redet, bzw. zuhört, wie die anderen über alles Mögliche reden. Gerade diese Episode als Beispiel für die unterschlagene Beschreibung des irr-seins anzuführen, ist albern. Wer ist schon immer irr, bzw.: Auch die Irren verhalten sich bisweilen relativ normal.

Ich kenne Kerouac auch aus Jörg Fausers Essay Die Legende des Dulouz. Aus Dokumentationen und youtube-Schnipseln. Aus den Schriften von Allen Ginsberg, William Burroughs und Gary Snyder. Ich kenne Kerouac aus den Erzählungen einer Freundin, der er Nachhilfe in Englisch gegeben hat. Im Anschluss an die Gitarrenstunde bei Bob Dylan, in der sie aber wohl kaum etwas gelernt hat (Leute gibt es – ich fand es seinerzeit bemerkenswert, von einem Musiklehrer unterrichtet zu werden, der Kurt Cobain auf seiner ersten Europatour gesehen hatte).

Nun kann man Kerouac einiges vorwerfen. Als Schriftsteller, und als Mensch erst recht. Mein Beileid an all die Frauen und Freunde, die von ihm und seinen verlorenen Jungs geschnitten, angefahren und überrollt worden sind. Das Wort Missbrauch ist in diesem Zusammenhang keine Übertreibung. Aber man kann Kerouac nicht vorwerfen, dass er uns Details schuldig bleibt, wenn es ums Irr-Sein, Irrungen und Irrwege geht. Seine Bücher drehen sich ausschließlich um Verfahrenes, Zügelloses, Entgleistes, weil für seine Protagonisten alles andere festgefahren ist. Seine Bücher sind voll mit Beschreibungen irrer Aktionen von irren Typen. Irr im Sinne von

  • jenseits gesellschaftlicher Normen
  • jenseits von magenfreundlich und hautschonend 
  • jenseits von Moral und Anstand 

Da darf man sich doch fragen, was Herr Spinnen gelesen hat, als er On the Road gelesen hat (anscheinend sogar mehrmals)? Ich habe einen Verdacht. Ich habe den Verdacht, dass die irren Sachen für einen Burkhard Spinnen nicht gelten, weil sie kein Ergebnis haben. Weil sie fast alle Beteiligten ins Nichts führen. Kerouac, Cassady und Burroughs haben kein schönes Ende gefunden. Sie haben Generationen geprägt, sind aber nie in die Mitte ihres Lebens oder auch nur in die Nähe davon gelangt. Sie haben schnelles Glück und flüchtige Liebe gelebt. Nach konservativen Maßstäben sind sie gescheitert und untergegangen.

Das Gekrittel von Burkhard Spinnen findet für mich seine Entsprechung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Subversion hat die Literatur längst verlassen. Sie ist in den Pop und von dort ins Internet abgewandert, bevor sie endgültig ökonomisiert und quantifizierbar gemacht wurde. Die sogenannte anspruchsvolle Literatur ist längst wieder die Sache einer Elite, die es sich leisten kann und die der Frage, ob ein Bachmannpreis weiterbesteht, oder ob elektronische Bücher Hirnflimmern verursachen, mehr Aufmerksamkeit schenkt, als der Frage, ob die europäische Utopie vor die Hunde geht, ob Nordafrika in Flammen steht, oder ob mit jedem Wertungssternchen, Facebook-like oder Hilfreich-oder-nicht-Klick eine Zelle unserer kollektiven Hirnmasse verbraten wird.

Dabei ist die Frage nach der Welt hinter der Literatur da. Die Kritik an allzu angepasstem Nachwuchs ebenfalls. Aber die Preise und Stipendien gehen fast ausschließlich an sauber eingeschliffenen Stil. Weltgehalt aus zweiter Hand genügt vollkommen. Energie ist ohnehin nicht gefragt. Inger Maria Mahlke zum Beispiel verbürgt ihr Spezialistentum für Gentrifizierung damit, dass sie einmal von ihrem Fenster aus neun Umzugswagen zählen konnte. Aufgrund dieser Aussage kann ich freilich nicht ihre Arbeit beurteilen, aber sie macht mich zumindest skeptisch. Andere jüngere Autoren blasen einjährige Auslandsaufenthalte und einminütige Warteschlangeneindrücke mit Vergewaltigungen und tödlichen Krankheiten dramaturgisch auf und dopen Adoleszenzschwänke mit existenzieller Bedeutung. Der Literatur geht es ähnlich, wie anderen akademisierten Künsten: Die Tendenz, sich um sich selbst zu drehen, steigt. Die Frequenz der Umdrehungen auch.

Aber wie sollte es anders sein? Den makellosen Stil erarbeitet man sich nicht im Billiglohnsektor oder im gehobenen Management. Während jeder Mittagspause bei dem Dienstleister, für den ich zuletzt gearbeitet habe, in den Gesprächen mit meinem anstrengenden Versicherungsbroker und an den Hotelbars zwischen Marrakesch und Casablanca habe ich zuletzt mehr gute Geschichten gehört, als an den drei Tagen der deutschsprachigen Literatur. Das ist schade. Aber das ist auch egal in einer Welt, die gefressen hat, dass es zum guten Ton gehört, sich permanent ans eigene Bein zu pinkeln. Ja, ich bin frustriert. Aber nur manchmal und selbst dann nur ein bisschen. Verzeihen Sie mir also die Brille und den Zahn, Herr Spinnen. Wesentlich arriviertere Kollegen sind von wesentlich arrivierteren Schreibern schon ganz anders angegangen worden. Bleiben Sie, wie Sie sind und machen Sie weiter so, denn ein putziger Herr Präsident sind Sie allemal, und bestimmt bin ich kommendes Jahr wieder irgendwie mit von der Partie.