Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 2

von kommentarblog

Zwischen Paul Jandl und Meike Feßmann sitzt eigentlich der altehrwürdige Jurypräsident Burkhard Spinnen, aber bevor ich mich um den kümmere, muss ich noch mal Luft holen. Zuerst also Feßmann:

Meike Feßmann (hat Larissa Boehning und Anousch Müller eingeladen):

„Rein optisch macht die was her. Bringt Sexyness in die Show. Die tut ihr gut“ hat mir der Versicherungsbroker ins Ohr geraunt, als er sich beim Minztee mit Blick über dem Djemaa el Fna an meinen Tisch setzte. Was mir als Erstes auffiel: In der Rückenansicht könnte man Jurorin Feßmann kaum von ihren Schützlingen unterscheiden. Ob sie ihre Texte tatsächlich nach Frisur und Statur ihrer Autorinnen auswählt, müsste man überprüfen. Sonst: Sie hat sich Mühe gegeben. Sie wollte nicht zickig sein. Aber sie ist es wohl einfach. Darüber täuscht auch die putzige Hotzenplotzstimme nicht weg, mit der sie aus Müllers Geschichte vorliest. Als keiner so recht an deren Bösartigkeit glaubt, gibt Feßmann die Anweisung, man möge sich vorstellen, den Text von Sibylle Lewitscharoff vorgetragen zu bekommen. Darauf hat aber offenbar keiner Lust. Abgesehen von ihrer Zickigkeit hat sie aber auch Sinnhaltiges zu den Diskussionen beigetragen. Sie benutzt zum Beispiel das schöne Wort „absurdererweise“. Und sie attestiert einem Text das Niveau der Teebeutelsprüche, die darin vorkommen. Keller münzt das gleich in „Teebeutelphilosophie“ um, und Jandl in „Teebeutelprosa“. Frau Feßmann könnte aber Einfluss auf mich gewinnen. Bereits letztes Jahr brachte sie den Namen Ágota Kristóf ins Gespräch und er hat in meiner Erinnerung nachgeklungen, obwohl ich ihn noch nie gehört hatte. Später habe ich ihn bei Wolfgang Herrndorf gelesen, und dieses Jahr kam Feßmann wieder damit an. Obwohl oder gerade weil Kristóf überhaupt keine Barbiehaare hat, werde ich das Gefühl nicht los, dass sie von mir gelesen werden will.

Daniela Strigl (hat Cordula Simon und Heinz Helle eingeladen):

Die Daniela Strigl von 2013 ist die Daniela Strigl von 2012. Blitzscharf, bissig und lustig. Sie ruft den Tag des Schamhaars aus, und kaut an der Formulierung „nicht Fisch nicht Fleisch“ angesichts einer mit toten, halbtoten und traumatisierten Käfern gefüllten Brotdose. Dass die Formulierung „kaut“ in dem Zusammenhang wiederum bei mir Brechreiz verursacht, ist wohl ein Indiz für die Qualität von Maacks Text und die interessiert hier nicht. Merkwürdig ist nur Strigls Garderobe. Eine seltsam steif wirkende weiße Bluse mit halblangen Ärmeln; eine Art Doktorkittel über einem Blümchenmuster, ein Blouson, der bestimmt auch Angela Merkel gut gefallen würde. Aber jeder nach seinem Geschmack …

Hubert Winkels (hat Philip Schönthaler und Benjamin Maack eingeladen):

Der Hubert Winkels von 2013 ist nicht der Hubert Winkels von 2012. Er hat seine Onkelhaftigkeit und sein partout-gut-finden-wollen abgelegt. Er motzt und krittelt auf hohem Niveau. Er jongliert wie ein Derwisch mit Fremdworten, psychologischen und soziologischen Konzepten. Will man verstehen, was genau er da macht, wird einem schwindelig. Gibt man sich aber mit der Rolle des beeindruckten Zuschauers zufrieden, bekommt man eine Schau geboten. Anscheinend hat er Benjamin Maack gebeten, einen Text für Klagenfurt zu schreiben und einfach vertraut, dass der Text gut wird. Er hat sich also vom freundlichen Onkel zur selbstbewussten Vaterfigur gewandelt. Auch gut.

So far … zu Burkhard Spinnen nach dem Luftholen in Teil 3.