Tage der deutschsprachigen Literatur 2013 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 1

von kommentarblog

Riff

Auch im zweiten Jahr meines Blogs wollte ich die Klagenfurter Jury einer Einzelkritik unterziehen. Aber dann schleppte Hamid mir wenige Tage vor dem Startschuss einen Frankfurter Versicherungsbroker in der Sinnkrise an. Auf der Suche nach einer intelligenten Reisebegleitung, die seiner Muttersprache mächtig war, hatte er sich an einen von Hamids Großcousins gewandt. Er war denkbar unsympathisch, aber er zahlte gut. Die elf Tage an seiner Seite riefen mir in Erinnerung, wie anstrengend Gesellschaft sein kann. Ich kam aber auch in den Genuss eines Geländewagentrips ins Herz der Sahara. Ich durfte in diversen Hotels nächtigen und Restaurants speisen, die ich mir sonst nie hätte leisten können. Und ich kann meinem Wüstenschreibcamp einige Bonusmonate anhängen.

Die Filmchen aus Klagenfurt konnte ich jedoch nur zwischen Tür und Angel schauen, und wenn der Herr Versicherungsbroker plötzlich in meinem Rücken stand, musste ich mir einiges anhören: Verschwendung von Lebenszeit und Steuergeldern; null Relevanz; dieser ganze verklemmte Literatur-Verein sollte einen Ausflug in eine Swinger-Therme nach Budapest machen, zu der er gute Beziehungen unterhält … Deshalb musste ich das Ende der Reise abwarten, den Kölnisch-Wasser-Duft aus meinen Kleidern waschen, mich gründlich ausruhen und dann eine zweitägige Session im Internetcafe einlegen. Aber jetzt bin ich so weit. Wieder frei nach Huck Finns “ain’t […] no better book than what your face is”. Heuer von Rechts nach Links. Los geht es mit dem Neuzugang …

Juri Steiner (hat Hannah Dübgen und Nikola Anne Mehldorn eingeladen):

Der Mann mit dem verheißungsvollen Vornamen drückt den Altersschnitt der Jury, hat sein Haar kunstvoll frisiert und blickt aus einem schmalen Gesicht hinter einer breiten Brille nervös tastend im Raum umher. Das sind freilich nur Äußerlichkeiten. Genauso wie die Tatsache, dass er auf dem Platz von Cornelia Caduff sitzt. Kann also nur besser werden, könnte man meinen. Oder, dass das ein schlechtes Vorzeichen ist. Bis er solchen Befürchtungen Futter gibt, vergehen allerdings zwei Tage. In denen nennt er viele Referenzpunkte und trifft dabei nicht immer ganz mittig: Im Zusammenhang mit einem Heranwachsenden muss mein Lieblingsfreund Holden Caulfield herhalten. Im Zusammenhang mit einem spielerischen Umgang mit Sprache ist es Hugo Ball. Im Zusammenhang mit Surrealem Boris Vian. Darüber hinaus nennt er noch Hemingway, Kafka und Houellebeqc. Er kennt sie also alle: Die Klassiker und die Skandalnudeln.

Er behauptet, er habe für den Wettbewerb 200 Texte gesichtet. Eine stolze Zahl, wie ich finde. Aber vielleicht hätte bei ein paar Texten weniger auch mitbekommen, was er liest. Einmal bekennt er sich zu einem Minderwertigkeitskomplex. Als Schweizer fühlt er sich als Deutschsprachiger zweiter Klasse. Dabei schwurbelt er bisweilen wirklich nette Sätze zusammen. Generell scheint er Ahnung zu haben. Ich gehe davon aus, dass er das Zeug zu Polemik und Pointe hat. Man muss ihm nur noch ein, zwei Jahre geben, um seine Ehrfurcht vor den alteingesessenen Kollegen abzulegen und in eine Rolle jenseits von Nesthäkchen und Klassenclown hineinzuwachsen. Vielleicht auch, um Geschmack zu entwickeln. Die Texte seiner Schützlinge gehören zu den Tiefpunkten der Veranstaltung. Vor allem Nikola Anne Mehlhorn bekommt das in der Diskussion auch zu spüren. Juri verliert dabei jegliche Souveränität, wird übertrieben kleinlaut und lässt sie grob hängen. In der Konsequenz, mit der er seine Schützlinge bei der Abstimmung um die Preise fallen lässt, erinnert er dann tatsächlich an seine Vorgängerin.

Hildegard Elisabeth Keller (hat Joachim Meyerhoff und Katja Petrowskaja eingeladen):

Sie hat sich seit vergangenem Jahr wieder gewandelt. Ihre trutschige Freikirchlerrhethorik scheint nur noch durch, wenn es um ihre Schäfchen geht. In der Diskussion um Petrowskajas Text hält sie gleich eine Art Laudatio und in der eigentlichen Laudatio behauptet sie, während der Lesung Leute weinen gesehen haben. Wenn das mal keine Allergiker waren. Aber egal. Ansonsten spielt Keller ordentlich auf. Sie kennt komplizierte theologische und philosophische Fachbegriffe, die gesellschaftlichen Funktionen von Literatur im Wandel der Zeiten und sogar youtube-Filmchen von Stargeigern in der U-Bahn. Sie ist manchmal böse und manchmal witzig. Zu einem Text sagt sie, dass darin fast alles vorkommt, sogar fröhliche Delfine, was immer schön ist. Daher an alle Jungautoren: Wer keinen Migrationshintergrund hat, schreibt über fröhliche Delfine und empfiehlt sich damit bei Keller. Ihr Preisträger-Schnitt ist nicht schlecht. Ich habe Ihre Wandlung genossen. Paul Jandl eher nicht …

Paul Jandl (hat Verena Güntner und Roman Ehrlich eingeladen):

„Frau Keller spricht. Ich verzichte“ sagt er in der Diskussion um Petrowskaja, nachdem Keller ihm wiederholt ins Wort gefallen ist, und hält dann auch wirklich den Mund. Überhaupt fängt er an Tag 1 lahm an und lässt an den anderen Tagen nach. Er scheint wenig Lust zu haben. Ich habe ihm vergangenes Jahr Eitelkeit vorgeworfen. Wahrscheinlich ist es größenwahnsinnig, wenn ich davon ausgehe, dass er einer der fünf Leser meines Blogs war und sich diesen Vorwurf zu Herzen genommen hat. Aber selbst wenn er mit Pointen geizt, liefert er noch bestimmt die Hälfte der Headlines für die Berichterstattung. Er fragt sich zum Beispiel, ob Lieblosigkeit heutzutage nicht Autismus heißt. Und er hat wenig dagegen, dass in allen Dingen ein Lied schläft, aber es sollte nicht im Koma liegen. Abschließendes Urteil: Paul Jandl ohne Raketensätze ist auch nicht schlecht, aber schon ein bisschen langweiliger, als mit.

Zu Meike Feßmann, Daniela Strigl, Hubert Winkels und meinem ganz besonderen Verhältnis zu Burkhard Spinnen in Teil 2 und 3.