Das hier ist Wasser, Hamid

von kommentarblog

Hamid I

Konrad Geyer und Briefträger Hamid bedanken sich herzlich bei Kiepenheuer & Witsch. Früher, als ich das der La Poste Maroc zugetraut hätte, brachte Hamid mir den Kölner Spasspacken. Schon seit einiger Zeit bleibt er bei mir stehen, während ich meine Post inspizierte. Anfangs hat mich seine schamlose Neugier irritiert. Oft bringt er mir doch eher persönliche Sachen, böse Briefe von meiner Frau zum Beispiel. Obwohl sie meine Ambitionen und vor allem die Konsequenzen, die ich daraus ziehe, grundsätzlich respektiert, geht manchmal die Gehässigkeit mit ihr durch. Sie ist auch nur ein Mensch, sage ich mir, sogar der wunderbarste, den ich kenne. Außerdem bringt Hamid Briefe von meinen Kindern. Meine Tochter hat kürzlich Robinson Crusoe gelesen und stellt sich mein marrokanisches Leben ganz ähnlich vor; mein Sohn kritzelt Kamele und ganze Kamelbattalione unter Palmen, die immer irgendwie welk wirken. Manchmal bringt Hamid mir Büchersendungen oder Filme, und jeden Monat mein Angelmagazin.

So nimmt er an meinem Leben Teil, wie kein anderer vor Ort, und auch keiner von denen, die mir ursprünglich näher stehen. Mittlerweile will ich diese Teilnahme nicht mehr missen. Hamid sagt, ihm geht es ähnlich. Ihn kümmert, was ich hier treibe. Manchmal mehr, als ihm lieb ist. Vor allem an den bösen Briefen meiner Frau scheint er ernsthaft zu knabbern zu haben. Er fängt immer wieder damit an, und seit einiger Zeit spricht er nun davon, Deutsch lernen zu wollen, um

1. Feedback zu meinen Texten geben zu können, und

2. meiner Frau klar zu machen, was für ein bemerkenswert netter Kerl ich bin.

Nun hat Kiepenheuer auf die bereits angekündigten Kulanzhämmer noch einen draufgelegt: Das hier ist Wasser. Da ich von dem Text bereits eine hübsche amerikanische Ausgabe besitze, habe ich die zweisprachige Ausgabe Hamid geschenkt. Als Lerntext, sozusagen. Hamid spricht Spanisch, Berber, Französisch und Englisch, sehr gut, wo ich das beurteilen kann. Ich habe wenig Zweifel, dass er es auch mit dem Deutschen ernst meint.

Hamid war glücklich, und überglücklich, als ich Bilder von ihm geschossen habe, um diesen Beitrag zu illustrieren. Falls aus mir ein berühmter Schriftsteller wird, sagt er, und jemand einen Film über mein Leben dreht, möchte er unbedingt von Gael García Bernal gespielt werden. Die Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen, von daher keine schlechte Wahl. Dabei könnte reine Willkür dahinter stecken: Hamid behauptet nicht nur, sein Großvater hätte Jimi Hendrix ein Dutzend Seeigelstachel aus einer ledrigen Verse gepult und William Burroughs Schießpulver verkauft, sondern auch, Gael García hätte 2005 bei einem Onkel Hassan eisenhart um Badeshorts gefeilscht. Ob Bluff oder nicht: Hamid und seine Freunde haben fast alle Filme mit Gael gesehen. Einmal hat er mich zu einer Session eingeladen. Sie schauen auf einem Laptop mit 15″-Monitor und einem Kühlventilator, der bläst wie eine Boeing 777 vor dem Start. Ein 90-Minüter kann bei ihnen bis zu 3 Stunden dauern, weil sie bei einem obskuren arabischen Filmportal streamen und wegen der flatterhaften Internetverbindung in der Gegend  reichlich gebuffert wird. Zunächst fand ich das störend, aber wenn man sich darauf einlässt, kann man auf den Standbildern Details erkennen, die einem sonst durch die Lappen gingen.

Auf meine Anregung hin steht bei diesem Filmclub demnächst Il Postino auf dem Programm. Die hübsche Geschichte von Pablo Neruda und seinem Briefträger als Inspiration für uns beide. Ich bekomme statt Säcken voller Liebesbriefe eben böse Briefe von meiner Liebsten und fliehe vor brutaler Zerstreuung, statt vor einem unmenschlichen Regime. Was den Nobelpreis betrifft, müssen wir noch sehen. Noch ist nicht aller Tage Abend. Neruda hat ihn mit 67 bekommen, das ist bei mir ein paar Jahre hin. Den Weltliteratur-Aufkleber auf meiner Memoiren-Schublade habe ich jedenfalls mit einem Dymo-Streifen überklebt: “Ich bekenne, ich habe es versucht

Leider muss der Spasspacken von Kiepenheuer auf der Reise einen Stoß abbekommen haben. Mein neuer Unendlicher Spass ist weiss wie gebleichtes Klopapier, aber am Rücken geprellt und angebrochen. Hamid schwört, nichts damit zu tun zu haben und hält den Knacks ohnehin für verkraftbar. Ich gebe ihm Recht. Falls der Riss wächst, muss eben Gaffatape herhalten. Man hat sich nicht “Schieß doch, Bullenpack, dann bin ich endlich frei“ auf den Scout-Rucksack geschrieben, um fünfundzwanzig Jahre später den Dippelschisser zu machen. Demnächst berichte ich an dieser Stelle von Hamids Fortschritten beim Lernen meiner Muttersprache, und werde noch die eine oder andere Perle aus unserer Fotosession der Öffentlichkeit preisgeben.