Die Unendlichkeit reklamiert

von kommentarblog

Unendlicher Spass

Jeden Februar wird Köln vom Karneval auf den Kopf gestellt. Ich war noch nie beim Karneval und werde es vermutlich auch nie sein, aber es geht dabei um Spass, das weiß jeder. Um Spass und Köln geht es auch hier. Den Spass repräsentiert ein unpassenderweise anstrengendes Buch – „Unendlicher Spass“ von David Foster Wallace. Köln repräsentiert der Verlag, der dieses Buch auf Deutsch und in einer sagenhaft schönen Ausgabe veröffentlicht hat: Kiepenheuer & Witsch. Ich habe Kiepenheuers Herstellungsabteilung eine Mail geschrieben, die für sich selber spricht: 

Liebe Frau […],

ich gehe davon aus, dass sie Besseres zu tun haben, aber es brennt mir unter den Fingernägeln, also trotzdem: Was sie [siehe Bild] sehen ist mein Exemplar von „Unendlicher Spass“. Seit gestern sieht es so aus, ohne vom fünften Regalbrett gefallen zu sein, oder auch nur vom Esstisch. Ohne im Sturm oder in der prallen Sonne gestanden oder gelegen zu haben, einfach so. Gestern Mittag nahm ich es in die Hand und es war noch am Stück, zwischendurch legte ich es offen auf den Tisch, und später war dann der Einband gebrochen. Ich gebe zu, ich habe das Buch gelesen und nach dem Lesen immer mal wieder reingelesen. Ich habe es tatsächlich benutzt, eventuell öfter benutzt, als andere.

Aber der Brocken hat, wenn ich mich richtig erinnere, knapp 40 €uronen gekostet. Die war es mir auch wert. Das Buch ist toll und ich werde vermutlich auch nach dem 20-igsten Durchgang noch Neues entdecken oder mich an Altem wieder freuen. Und darüber hinaus habe ich – und das ist jetzt keine Speichelleckerei – ganz selten ein so schön hergestelltes Buch gesehen. Ich habe eben in meinen Bücherschrank geschaut. Vielleicht müsste das auch „noch nie“ heißen. Aber das darf doch nicht nach drei Jahren einfach auseinanderbrechen? Der Spass ist supposed to be „unendlich“, und wenn ich das als markigen Titel abtue, doch zumindest lang genug, dass meine Kinder den Schinken noch lesen können, wenn sie dann so weit sind, oder, falls lesen generell (Kulturpessimistische Variante) oder lesen in Büchern nicht mehr en vogue ist, ihn aushöhlen und Drogen oder Gold darin verstecken können, oder Möbel bauen, oder sonst was, es einem Museum stiften.

Sie sehen worauf ich hinaus will: Die Garantiezeit ist vermutlich überschritten, aber so war das bestimmt auch von Kiepenheuer & Witsch nicht gedacht. Ich würde mich freuen, wenn Sie kulant wären und mir einen adäquaten Ersatz zukommen lassen würden, oder, falls nicht, mir kurz darlegen, warum.

Mit besten Grüßen Konrad Geyer

Die Verantwortliche hat am Morgen danach geantwortet. Es ging um Ihren Schrecken beim Betrachten des mitgesendeten Bildes, um die buchbinderische Meisterleistung, die maximal mögliche Dicke „durch die Bindestraße zu bekommen und noch dazu mit einem ganz beachtlichen Gewicht“. Sie dankte Gott, dass meine Reklamation die Erste war, entschuldigte sich in aller Form für den Zustand meines Buches und versprach, mir in den nächsten Tagen ein neues Exemplar zukommen zu lassen, in der Hoffnung, dass ich damit noch lange einen „Unendlichen Spass“ hätte.

Ich war begeistert. Wenn auch die buchbinderische Meisterleistung gebrochen ist, diese Reaktion ist eine Meisterleistung der Kulanz. Anmerkung: Der Packen geht nicht per Kurier über den Rhein, sondern nach Marokko, höchstwahrscheinlich per Flieger, Schiff, Bahn, Zustellfahrzeug, und den letzten Teil des Weges macht der Briefzusteller Hamid mit einem Mofa, das in Deutschland bei der nächsten Polizeikontrolle aus dem Verkehr gezogen würde, oder, falls das Mofa streikt, was vorkommt, auf dem Maulesel seines Großonkels. Das ist aber noch nicht alles. Ich habe mich für die rasche Antwort und die Kulanz bedankt und bei dieser Gelegenheit gefragt, ob zufällig irgendwo bei Kiepenheuer & Witsch noch dieser Materialband herumliegt, der anlässlich der deutschen Erstveröffentlichung von „Unendlicher Spass“ zusammengestellt und später zu unverschämten Preisen bei Ebay gehandelt wurde. Dass ich dieses Buch, falls ja, so gerne haben würde. Und die Dame antwortete noch rascher: „Das Bändchen war schon eingeplant und kommt mit“

Ein Hoch auf den Spaß. Ein Hoch auf die Unendlichkeit. Ein Hoch auf die Herstellungsabteilung von Kiepenheuer & Witsch. Und nun zum eitlen Ende: Ich fand meine erste Mail charmant. So sehr, dass ich sie hier veröffentliche. Ein Freund sagte mir, dass ich mir viel Zeit für solche Dinge nehme und man das der Korrespondenz anmerkt. Viel Zeit brauche ich dafür nicht. Die Mail war eine Sache von zwanzig Minuten. Vor dem Einstellen in mein Blog habe ich noch ein paar Kommata nachgebessert, zwei unnötige Doppelausdrücke gestrichen, und das Ganze anonymisiert – also nochmals fünf Minuten. Ich nutze solche Anlässe zur Generallockerung meines Schreibens und träume den utopischen Traum, dass vielleicht eins meiner demnächst in die Post gehenden Manuskriptangebote für die Lektorate von Hamburg bis München in einem ähnlich warmen, entgegenkommenden Ton beantwortet wird.