Hommage an Frank Bodo Viets

von kommentarblog

Es ist schon ein paar Tage her, ich lebte noch in Deutschland, habe in einer Buchhandlung nach Trüffeln gegraben, als ein Herr um die Fünfzig dezent auf das Cover von „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ tippte, sich als Autor des Werks zu erkennen gab und versprach, mir ein signiertes Exemplar von einem seiner älteren Bücher zukommen zu lassen, wenn ich „Onno“ bei Amazon rezensiere und mit mindestens vier Sternen bewerte. „Zuletzt hat Onno einige hinter die Löffel bekommen. Wenn er unter drei Sterne sinkt, ist das eine Katastrophe. Ich habe da eine Wette laufen“. Weil er so bescheiden und bedröbbelt in den Knien wippend vor mir stand, habe ich „warum nicht?“ gemeint, für das Vertrauen gedankt und meinen „Onno Viets“ bezahlt. Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien und „Das Ouzo-Orakel“ habe ich seinerzeit gefressen, stellenweise bejubelt und mit leichten Einschränkungen für Bücher für alle Tage befunden, warum also nicht auch „Onno Viets“ lesen und mich darüber ausschreiben?
Das Buch ruhte dann wahrscheinlich länger, als dass diese Rezension für Frank Schulz noch von Belang sein könnte. Aber nach drei Tagen, in denen ich Wohnraumpflege und Schlaf reichlich vernachlässigt habe, bin ich jetzt durch. Also wieder gefressen und stellenweise bejubelt, so laut, dass die schreckhafte Kamelherde von meinem Grundstücksnachbarn Rachid den Zaun niedergetrampelt und auf ihrem Weg Richtung Nordsahara reichlich Staub aufgewirbelt hat. Aber für ein Buch für alle Tage befunden habe ich auch „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ nur mit Einschränkungen, und die beschäftigen mich dieses Mal mehr, als sie es in den Büchern über Bodo Morten getan haben.
Die muffigen Stellen, diejenigen Witzchen, die mir zu viel oder zu altherrenhaft geraten sind, der hanebüchene Plot, fallen nicht ins Gewicht. Das Herz dieses Geschöpfs ist dieser Wortschatz zum niederknien, aus dem Schulz hochoriginelle und dennoch präzise funktionierende Sätze dengelt, dahinter Weltwissen und Menschenkenntnis, dass man sich direkt zur Einschulung begeben möchte.

Aber genau da hakt es meiner Meinung nach. Reichtum verpflichtet, heißt es. Reichtum an sprachlicher Gestaltungskraft auch. Schulz könnte über alles schreiben – das ewige Leben, Mutter Lottes Hühneraugen, soziale Kommunalwirtschaft – aber er schreibt über Onno und Bodo, sympathische Verlierer mit Macken und Problemchen, „gute Menschen, die nicht Fuß fassen können“ (Daniil Charms), aber eben auch nie an einen wirklich existenziellen Abgrund gelangen … Die harmonischen Liebes- und Freundschaftsbeziehungen fangen seine Helden nach ein bisschen Gewitzel, Rausch, Spielbudenzauber, Psychiatrie oder Teilzeitausstieg wieder auf. Spätestens mit Beginn der Heizperiode ist alles wieder erträglichen Bereich. Für meinen Geschmack machen Onno und Bodo es sich zu bequem in ihrem Nest aus Bürgerlichkeit. Frank Schulz, der übrigens aussieht, wie er seine Hauptprotagonisten beschreibt, begnügt sich mit der Produktion erstklassiger Literaturware, schreibt weiterhin für Buch-König, -Fürst und -Kaiser, und lässt uns auf die brennenden Seiten warten, die dann nur der Schamane mit der ebenholzfarbenen Haut ins Sortiment nehmen wird. Derweil bekommt er den Kranichsteiner Literaturpreis und keinem würde ich ihn mehr gönnen, als diesem alten Deichvogt.

P.S.: Die Anekdote am Anfang ist übrigens geflunkert. Ich glaube, Schulz hätte zu viel Klasse für eine solche Aktion.