Über Aufmerksamkeitsökonomie – Bitte sag, dass du mich magst …

von kommentarblog

«Magst du mich? Bitte sag, dass du mich magst.» Und wie wir alle wissen, gehen 99 % aller zwischenmenschlichen Manipulationsanstrenungen und Anmach-Verrenkungen darauf zurück, dass Aussagen wie diese fast schon als obszön gelten. Tatsächlich gehören solche direkten, gewissermaßen nackten Fragen zu den letzten echten zwischenmenschlichen Tabus, die wir haben. Sie wirken so jämmerlich und verzweifelt.

… schrieb David Foster Wallace in seiner Erzählung “Oktett” aus dem Band “Kurze Interviews mit fiesen Männern” (1999). Wahrscheinlich hat diese Aussage zur Zeit ihrer Veröffentlichung den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber mittlerweile hat Facebook diese “zwischenmenschlichen Tabus” mit Hilfe seines “Gefällt-mir-Buttons” eben mal so standardisiert. Man kann nun versuchen, die glockenklaren „Blings“, die rot eingekreiselten Zahlen und die Besucherstatistiken zu ignorieren, aber wer auch nur ein bisschen Anerkennungsdrang oder Suchtpotential mitbringt, dürfte damit scheitern. Vielleicht geht es nicht direkt darum, gemocht zu werden, aber wahrgenommen werden, wollen wir alle. Permanente Kursmeldungen als weiterer Schritt Richtung “Ökonomisierung aller Lebensbereiche”, auch wenn noch nicht ganz heraus ist, ob und wie Facebook seine Mitglieder effektiv versilbern kann.

Wo es nicht um Befindlichkeiten geht, die für Freunde, Bekannte, Kollegen und Voyeure interessant sind, sondern um kreative Arbeiten, stellt sich in diesem Zusammenhang ein weiterer Effekt ein: Vor den originären Werken türmen sich Gebirge von Hinweisen darauf auf. Die können ihren Zweck erfüllen und Leute ans Ziel lotsen, oder auch nicht.

Da ist zum Beispiel Akif Pirincci, bekannt vor allem als Autor der Felidae-Katzenkrimis, an denen Anfang bis Mitte der Neunziger so schwer vorbeizukommen war, wie heute an “Shades of Grey”, wohin aber in der Zwischenzeit auch ein beachtlicher Teil seiner Leserschaft abgewandert sein dürfte. Vor ein paar Wochen hat sich Pirincci auf Buzzaldrins Buchblog recht unflätig über eine deutsche Nachwuchsautorin geäußert und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Obwohl ich nie einen seiner Romane gelesen habe (Siehe: Wenn einer nicht besonders gerne liest), besuchte ich Akifs Facebook-Seite, und die nächste Stunde war ich weg und bestens unterhalten. Pirincci meldet sich fast jeden Tag mehrmals zu Wort, fährt eine Seifenoper um sein Altern, eine zerbrochene Liebesbeziehung, seinen Weltekel auf, überschreitet bei jeder Gelegenheit die Grenzen des guten Geschmacks, gibt sich zeitweise aber auch selbstironisch und verletzlich. Anfangs war ich angewidert, zum Schluß hatte ich ihn fast lieb, wobei ich bin mir sicher bin, dass Akif eigentlich anderes bezweckt: Er möchte, dass seine Bücher ein größeres Stück vom großen Kuchen Aufmerksamkeit abbekommen.

Andere Autoren gehen weniger subtil zur Sache und greifen ihre Nebenbuhler direkt an: Thor Kunkel, der 2004 mit “Endstufe”, einem Roman über Pornos und Nazi-Deutschland, einen mittleren Skandal auslöste, disst gerne höher im Kurs stehende Kollegen. Vor allem auf Leute aus dem Umfeld der “Zentrale Intelligenz Agentur” scheint er es abgesehen zu haben. Auf seiner Webseite, aber auch als Amazon-Rezesent oder Amazon-Rezensions-Kommetator, Username “Roman Bialkowski” und “Satoshi gila 677” (wenn ich meinem Bauchgefühl und anderen Rezension-Kommentatoren Glauben schenken darf). Ebenfalls unterhaltsam, aber auch ein bisschen traurig.

Meine Recherche für diesen Blogeintrag erinnerte mich an einen dystopischen Roman, den ich vor Jahren geschrieben habe. Ich war damals sehr beeindruckt von Kurt Vonneguts Kilgore Trout, der halluzinogenen Wirkung einer Hand voll spitzkegeliger Kahlköpfe, und Lou Reeds “Metal Machine Music”, einem Album, das ausschließlich aus Gitarren-Feedback besteht.

Auch wenn ich den Roman zurecht in der “Sonstiges-” und nicht in der “Weltliteratur-von-Morgen-Schublade” verschwinden lassen habe, erschien mir beim Wiederlesen das bisschen Substanz zwischen den Plotlöchern geradezu prophetisch:

Eine intelligente Lebensform aus einer fernen Galaxie entdeckt die Erde und deren reichhaltige Kalkvorräte. Eine feine Sache, denn der Rohstoff Kalk ist für sie existenziell. Natürlich wollen sie unsere Vorräte plündern, aber der Kontakt mit Menschen löst bei ihnen galakto-allergische Reaktionen aus, die in 4 von 5 Fällen zum Tod führen. Nach gründlicher Überlegung pappen sie eine Membran um die Erdatmosphäre, die sämtliche Verlautbarungen ihrer Bewohner zurückwirft, kreiren ein Kommunikationssnetz und hosentaschenfähige Gerätchen, mit denen man im Handumdrehen Texte, Bilder und kleine Videos produzieren und in dieses Netz speisen kann, und versprechen sich davon, dass nach spätestens 7 1/2 Jahren eine mächtige Rückkopplung die Erde zermalmen wird.

Anfangs bemerkt kein Mensch, dass nichts mehr von dem, was einer von sich gibt, einfach verschwindet und vergessen wird. Dann erfüllt die Luft ein stetig anschwellendes Pfeifen, es häufen sich die Stresserkrankungen, und nach 7 1/2 Jahren kommt es tatsächlich zur Implosion. Die Menschheit verglüht, die Kalkbrocken schießen in die Atmosphäre und werden von den Individuen der intelligenten Lebensform lässig eingesammelt.

Auch den Ausdruck “Digitale Demenz” habe ich damals benutzt, wobei ich die gegenwärtige Diskussion für albern halte. Dass man sich einem Auto besser nicht in den Weg stellt, haben wir seinerzeit auch zügig gelernt. Jetzt müssen wir eben doch noch lernen, uns ab und an auch mal für das Richtige zu entscheiden. Die einzige ernsthafte Gefahr geht meiner Meinung nach von Live-Tickern aus, die Massenmedien im Angesicht weltgeschichtlicher Großereignisse schalten. Sei es wegen schwarzem Rauch über den Dächern des Vatikans, weißem Rauch über den angekokelten Reaktoren von Fukushima, die von Konjunktiven und Konditionalsätzen strotzende Echtzeit-Berichterstattung gehört ignoriert. Ich jedenfalls verkloppe mir die Zwischenzeit lieber damit, die Sandkörner der Nordsahara aufzureihen, und warte, bis die ersten Fakten auf dem Tisch liegen.