Über Aufmerksamkeitsökonomie – Wenn einer nicht besonders gerne liest …

von kommentarblog

“Setzten wir, dass man vom 5000. Tag an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20000, demnach rund 15000 Lesetage zur Verfügung. […] Ich möchte es noch heilsam-schroffer formulieren: Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch, oder auch nur Durchschnittliches zu lesen: Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur!” 

(Arno Schmidt: Trommler beim Zaren. 190 f.)

Einen Augenblick nachdem ich über dieses Zitat gestolpert bin, war ich drauf und dran, Arno Schmidt zu meinem Säulenheiligen zu erklären. Einen Haken bei den AGB’s hatte ich schon gemacht. Ich musste nur noch auf „Absenden“ klicken. Im letzten Augenblick habe ich die Notbremse gezogen. Etwas fühlte sich nicht ganz rund an dabei:

1.) Die Frage, ob es überhaupt “die Hochliteratur” gibt? Die Frage von Kanonisierung und dem ganzen Schmuh. Nicht die originellste aller Fragen, aber egal, welche Antworten darauf gegeben werden, fest steht: Keiner kann alles lesen, was geschrieben wurde. Wer lesen will, muss auswählen. Und das nicht zu knapp.

2.) Umso mehr, wenn im Internet ein großer Teil von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jederzeit abrufbar ist.

2.) Umso verzwickter, wenn einer nicht besonders gerne liest. Dann konkurrieren diverse Betätigungen um die Zeit, die theoretisch zum Lesen zur Verfügung stehen würde: Ich zum Beispiel, schaue genauso gerne Filme, an die Decke oder in den Himmel, treffe genauso gerne Freunde oder welche, die es werden könnten, reise genauso gerne durch direkte und weniger direkte Nachbarschaften, höre genauso gerne Musik …

3.) Und als wäre das nicht genug: Ich wiederhole gerne.

4.) Jahrelang habe ich jeden Morgen Bob Dylans “Desolation Row” gehört und mich nicht selten über die verplanten 11 Minuten und 20 Sekunden geärgert. Irgendwann habe ich angefangen, Dylan zu hören und dabei Morgengymnastik zu machen. Das hat so gut funktioniert, dass ich Dylan mittlerweile weglasse. Ich mache einfach meine Morgengymnastik, und nach genau 11 Minuten und 20 Sekunden bin ich damit fertig.

5.) Wenn es mir irgendwo gefallen hat, will ich dort ein zweites Mal hin. Am besten am Abend, wenn es beim ersten Mal am Morgen war. Am besten im Winter, wenn es beim zweiten Mal im Sommer war. Am besten in einem trockenen Herbst, wenn es beim dritten Mal ein nasser war.

6.) Beim Lesen geht es mir nicht anders. Die einen Bücher kommen weg. Die anderen bekommen ein Kreuz. Zu denen mit dem Kreuz will ich zurück. Weil die erste Begegnung so gut oder zumindest fruchtbar war, oder mich mit dem Gefühl zurücklässt, dass ich nur in den oberen Schichten gepflügt habe. Ist es nicht direkt anmaßend, wenn man davon ausgeht, dass man etwas in einem Durchgang ausschöpfen kann, mit dem ein Schriftsteller – tendenziell eher ein überdurchschnittlich intelligenter und/oder erfahrener Mensch – Monate und Jahre verbracht hat?

Ein Buchmarkt, der nur halb (oder ein achtel) so viele Bücher auf den Markt bringt, die sich dann aber doppelt (oder achtmal) gut verkaufen, so dass die Schriftsteller doppelt (oder achtmal) lang daran basteln können (oder, falls sie das nicht nötig haben, lassen sie eben die Seele baumeln, lernen Flöte spielen, durchwandern Schaffenskrisen oder andere existenzielle Täler, die später wiederum ihre Bücher interessanter machen), ist doch eigentlich eine schöne Utopie.

Die Tage mehr zum gleichen Thema, aber von der anderen Seite: Wenn einer um Himmels Willen beachtet werden will …