Tage der deutschsprachigen Literatur 2012 – Die Jury in der Einzelkritik – Teil 1

von kommentarblog

Anfangs habe ich den Wettbewerb um den Bachmannpreis mit der Gewissheit verfolgt, demnächst selbst dort zu lesen. Später so eifersüchtig, dass ich bei den meisten Diskussionen den Ton abgestellt habe, um die Texte persönlich zu zerpflücken. Dann fast wie ein normaler Zuschauer, den das ganze wenig angeht und ziemlich amüsiert.

Im letzten Jahr hat die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller versucht, den verunglückten Text von einem ihrer Schützlinge als Bewusstseinsexperiment getarnt durch das Kreuzfeuer der Kollegen zu manövrieren. Während sie sich japsend um Kopf und Kragen redete, erkannte ich das dramatische Potential dieser Patenschaften zwischen Kritikern und Autoren. Entsprechend habe ich beim diesjährigen Wettbewerb – frei nach Huck Finn: “ain’t […] no better book than what your face is” – weniger die vorgetragenen Texte, sondern vor allem Mimik, Gestik und Debattenstrategien der Jury-Mitglieder beachtet. Dies sind meine Eindrücke:

Hildegard Elisabeth Keller:

Ich hatte Sorge, dass sie bei der Diskussion im letzten Jahr bleibende Schäden davontrug. Wenn ich mich danach auch nicht aktiv um ihren Verbleib gekümmert habe, war ich doch erleichtert zu lesen, dass sie 2012 wieder der Jury und damit den Lebenden angehört. Und siehe da: Sie hat sich gewandelt. Vom ersten bis zum letzten Tag schwebte sie mit einem radikalevangelikalen Lächeln auf den Lippen über der Veranstaltung, und am Ende triumphierte sie. “Ihrem” Kelag-Preisträger Matthias Nawrat rief sie bei der Laudatio zu, er möge seinen Hut lüften und uns ins Herz der Schwarzwaldfinsternis führen. Ihren Zweitkandidaten Hugo Ramnek, ließ im weiteren Preisermittlungszeremoniell bescheiden außen vor. Lediglich in der Frage, was das „Webcam-Du“ ist, das sie in Inger Maria Mahlkes Text ganz eindeutig erkannt haben wollte, blieb sie eine Antwort schuldig.

Daniela Strigl:

Ich gebe zu: Als ich Strigl vor Jahren zum ersten Mal sah, war ich überzeugt, sie könnte kaum “Piep” sagen und würde sich ausschließlich von Buchstabensuppe ernähren. Was für eine Fehleinschätzung. Strigl kann austeilen, einstecken, und verliert weder den besprochenen Text, noch das Publikum, jemals aus den Augen. Dass sie bei der endlosen Abstimmung um den Kelag-Preis auch in Runde 3 und 4 an ihren pennälerisch vorgetragenen Begründungsparaphrasen festhielt und dadurch die Dramaturgie der Veranstaltung ein wenig Richtung Castingshow kippte, sehe ich ihr gerne nach, immerhin hatte sie drei Tage Buchstabensuppenkonzentrat intus.

Hubert Winkels:

Von Winkels würde ich mir gerne die Füße massieren lassen. Der nette Onkel, der von seinen Kandidaten erst ablässt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Die anderen lobt er, wo er kann, und wenn er wirklich nichts zu loben sieht, gibt er immer noch den wohlgesonnenen Mentor. Etwas zurufen möchte auch er, allerdings keinem Autoren, sondern Travniceks Protagonisten, dass die sich doch am Losbudenglück freuen sollen. Auch das ist nett. Allerdings bringt er manchmal den kreativen Impuls mit dem Ergebnis von Analyse und Interpretation durcheinander. Das ist seiner poststrukturalisischen Schule geschuldet, sagt Spinnen. Ob das stimmt, kann Cornelia Caduff bestimmt gut beurteilen.

Cornelia Caduff:

Die hat bei ihrer Jury-Premiere in jeder Hinsicht gut aufgelegt:

– Zwei der drei Texte, die überwiegend negativ aufgenommen wurden, hat sie in den Wettbewerb geschleusst. Entweder sie hatte keine Lust, sich auch noch um eine Laudatio zu kümmern, oder sie hat viele Schreiber im Freundeskreis, die ihr Urteilsvermögen mit unhaltbaren Versprechungen geblendet haben.

– In den Diskussionen deckte sie das breiteste Argumentationsspektrum ab: Ihr Repertoire reichte von Fremdworten, die nicht einmal Hubert Winkels ein Begriff waren, bis zum unter die Gürtellinie zielenden “Hanni und Nanni”-Vergleich.

Sie wirkte durchweg bemüht und phasenweise völlig inkompetent. Travnicek warf sie vor, Sprache als Kunstraum noch nicht erschlossen zu haben, meinte aber, dass das von einer Fünfundzwanzigjährigen nicht zu erwarten sei. Als sie in diesem Zusammenhang auf die verbrieft Frühvollendeten Büchner und Capote zu sprechen kam, wirkte das, als wollte sie den Jurykollegen beweisen, dass sie über ein gewisses Hintergrundwissen verfügte, wenn es auch nicht den Eindruck machte.

Beeindruckend wiederum war die Konsequenz, mit der sie ihre Kandidaten fallen ließ. In den Diskussionen machte sie keinerlei Anstalten, die Texte aufzufangen oder gar für sie zu kämpfen, und bei den Abstimmungen, ließ sie sie gänzlich außen vor.

Trotzdem würde ich sie gerne wiedersehen. Vielleicht, weil sie Meike Feßmann die Vorlage zu einer sympathischen Äußerung gegeben hat. Dazu die Tage in Teil 2.